8. Jahrgang Nr. 12 / 19. Dezember 2008 - 22. Kislew 5769

Haus der Hoffnung

70 Jahre nach der Zerstörung durch die Nazis wurde in Schwerin wieder eine Synagoge eingeweiht

Knapp 70 Jahre ist es her, dass das markanteste Zeichen jüdischen Lebens in Schwerin aus dem Stadtbild verschwunden ist. In der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 verwüsteten und plünderten Nazis die damals 165 Jahre alte Synagoge am Schlachtermarkt, danach wurde sie abgerissen. Später erinnerte lediglich eine Gedenktafel an das zerstörte Gotteshaus. Jetzt hat die Jüdische Gemeinde der Stadt wieder eine angemessene Heimat. Präsidentin Charlotte Knobloch und Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) nahmen Anfang Dezember an dem Festakt zur Einweihung teil.
Knobloch sagte, die neue Synagoge sei Ausdruck und Symbol dafür, dass es in der Mitte der Gesellschaft wieder jüdisches Leben gebe. Die Einweihung sei ein „außergewöhnliches Ergebnis“, so Knobloch. Mit Blick auf das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen sei „es nahezu unglaublich, dass heute wieder jüdische Menschen ganz bewusst in Deutschland leben wollen“.
Regierungschef Sellering wertete den Neubau als „sichtbares Zeichen dafür, dass mehr als 60 Jahre nach dem Holocaust jüdisches Leben in unserem Bundesland wieder eine Heimat gefunden hat“. Der Tag der Einweihung sei ein „Freudentag für die Jüdische Gemeinde und für ganz Mecklenburg-Vorpommern“, sagte er. Sellering rief dazu auf, die Synagoge zu einem „Ort der Begegnung“ von Juden und Nichtjuden zu machen.
Reichte bis vor anderthalb Jahrzehnten der genutzte Betraum im Gemeindezentrum für die Schweriner Gemeinde noch völlig aus, wurde es dort zuletzt viel zu eng. „Maximal 40 Gemeindemitglieder hatten in dem alten Betraum Platz“, berichtet Landesrabbiner William Wolff. In den 50-er Jahren gab es in Schwerin wieder eine jüdische Gemeinde. In den siebziger Jahren zählte die Gemeinde nur noch 30 Mitglieder und als sich die Gemeinde 1994 neu gründete, gab es in Schwerin keine alteingesessenen Juden mehr. Durch den Zuzug von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Zahl der Mitglieder inzwischen auf 1000 an. „Wir sind eine sehr lebendige Gemeinde“, so der Rabbiner.
Die Gemeinde bietet ihren Mitgliedern eine umfangreiche Betreuung: Es gibt einen Synagogenchor, Religionsunterricht, einen Schachclub, soziale Betreuung sowie eine große Bibliothek. Somit bietet das neue Gemeindezentrum der aktiven Gemeinde einen angemessenen Raum, der bald mit Beten, Lernen, viel Leben und Lachen gefüllt sein wird.
Glücklich sei er über den lichten Saal des neuen Gotteshauses, wo nun etwa 100 Gläubige Platz fänden, sagt auch Gemeindevorstandsmitglied Valerij Bunimow. Die Schweriner Gemeinde, zu der auch die Juden in Wismar gehören, versteht dieses Haus als Ort des Gedenkens und der Hoffnung. Nach Rostock im Jahr 2004 ist es der zweite Synagogen-Neubau im Nordosten Deutschlands.
Das Gebäude entstand seit dem Frühjahr genau an der Stelle der zerstörten Synagoge, errichtet auf Fundamenten ihrer Vorgängerbauten aus den Jahren 1773 und 1819. Auch die Reste eines Mosaikbodens wurden von den Experten gesichert und dann in den Neubau gleich im Eingangsbereich integriert. Drei Fenster in Form von Davidsternen lassen Licht in den schräg nach oben zulaufenden Innenraum.
Im Dezember 2007 hatten Vertreter des Kultusministeriums, der Stadt Schwerin und des Landesverbands der Jüdischen Gemeinde eine Vereinbarung zum Neubau einer Synagoge in der Landeshauptstadt unterzeichnet. Das Land unterstützte den Bau mit rund 660 000 Euro. An dem Bauvorhaben beteiligten sich neben der Stadt auch die Jüdische Gemeinde, der Zentralrat der Juden in Deutschland und ein Förderverein mit etwa 100 000 Euro.
Il/epd