8. Jahrgang Nr. 12 / 19. Dezember 2008 - 22. Kislew 5769

Weniger Ressentiments aber keine Entwarnung

Zwei Langzeitstudien untersuchen antisemitische Einstellungen

Zunächst mal das Positive: Klassische Ressentiments wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Ablehnung Homosexueller, die Abwertung Obdachloser und Sexismus nehmen insgesamt ab. „In erstaunlicher Parallelität zu sinkenden Arbeitslosenzahlen“ sei auch die Zustimmung zu vielen Elementen „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ gesunken, lautet eine der Kernthesen der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“, die der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer mit seinem Expertenteam der Universität Bielefeld seit 2002 jährlich erstellt. Heitmeyer stellte die Ergebnisse für 2008 Anfang Dezember vor. Die Wissenschaftler haben in diesem Jahr die repräsentative Befragung von 1763 Personen ausgewertet.
Das Ergebnis ähnelt in Teilen der Aussage einer anderen Langzeitstudie, an der die Psychologen Elmar Brähler und Oliver Decker von der Universität Leipzig im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung seit 2002 arbeiten. Bei rechtsextremen Einstellungen gebe es bundesweit einen „erfreulichen Rückgang“, teilten die Wissenschaftler Ende November mit.
Seit 2006 sei die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen von 8,6 auf 7,6 Prozent zurückgegangen, so das Leipziger Ergebnis. Danach gibt es in Mecklenburg-Vorpommern in überdurchschnittlichem Maße rechtsextreme Einstellungen. Dort befürworten 16 Prozent der Befragten eine Diktatur, im Bundesdurchschnitt sind es 5,4 Prozent. Auch bei Fragen zu Ausländerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus fiel die Zustimmung dort überdurchschnittlich hoch aus. Brähler begründete dies unter anderem mit der schlechten wirtschaftlichen Situation und der hohen Arbeitslosigkeit in dem Bundesland. Nach Angaben des Wissenschaftlers erwies die Langzeituntersuchung, dass beim Thema Rechtsextremismus eine Unterscheidung zwischen Ost- und Westdeutschland nicht mehr sinnvoll sei. So sei der Antisemitismus in Bayern mit 16,6 Prozent sehr viel höher als in anderen Bundesländern. Nach der Studie liegt der Bundesdurchschnitt bei 9 Prozent. Bei der Ausländerfeindlichkeit liegt Bayern mit 39,1 Prozent nur knapp hinter Sachsen-Anhalt mit 39,3 Prozent. Der Durchschnittswert beträgt 25,4 Prozent.
Wie die Leipziger meldet indes auch das Heitmeyer-Team ein gravierendes „Aber“. Ausländerfeindlichkeit bleibt vor allem in Ostdeutschland ein enormes Problem. 62 Prozent der Ostdeutschen und 49 Prozent der Westdeutschen verträten die Ansicht, in der Bundesrepublik lebten zu viele Ausländer, berichteten die Bielefelder Forscher. Umgekehrt sind antisemitische Ressentiments im Westen weiter verbreitet als in den neuen Ländern. Heitmeyer warnte zudem vor den „Benachteiligungsgefühlen“ vieler Ostdeutscher. 64 Prozent seien der Meinung, Ostdeutsche seien Bürger zweiter Klasse“, bei den Westdeutschen halten sich nur 13 Prozent für minderwertig. Dazu passe, dass mehr Ostdeutsche der Demokratie kritisch gegenüberstehen.
fj/kna