8. Jahrgang Nr. 11 / 28. November 2008 - 1. Kislew 5769

Die anderen Oskar Schindlers

Die neue Gedenkstätte „Stille Helden” in Berlin erinnert an Deutsche, die Juden gerettet haben

Hier ist Oskar Schindler nur einer unter vielen. Eine Vitrine zeigt das Leben des wohl bekanntesten Judenretters anhand eines kurzen Films, mit Fotos und Originaldokumenten. Rund 1100 Juden rettete der Industrielle vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten. Doch Schindler war nicht der einzige Deutsche, der sich der Judenverfolgung im Dritten Reich widersetzte. Gut 5000 Juden überlebten im Untergrund dank der Hilfe von Verwandten, Freunden oder Arbeitskollegen.
An diese „Stillen Helden” erinnert jetzt die neue Gedenkstätte an authentischem Ort in Berlin-Mitte, am Hackeschen Markt: Gleich nebenan, an der Rosenthaler Straße 39, bewahrte der Berliner Klein-Unternehmer, Otto Weidt, in seiner Besenwerkstatt während der Nazizeit seine blinden und gehörlosen jüdischen Arbeiter - unter ihnen auch die bekannte Schriftstellerin Inge Deutschkron („Ich trug den gelben Stern”) - vor der Vernichtung. Eine Schindler-Geschichte im Kleinen.

Die „Gedenkstätte Stille Helden” entstand in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und dem Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Auf zwei Etagen dokumentiert sie fast 300 Geschichten - Geschichten, wie die von Eugen Kahl. Sein Vater war Arzt und widersetzte sich dem Aufruf der Nationalsozialisten, keine Juden mehr zu behandeln. Der 16-jährige Eugen war als Luftwaffenhelfer außerhalb Berlins eingesetzt. Eines Abends kam er nach Hause und entdeckte völlig überrascht einen Mann auf dem Dachboden des elterlichen Hauses. Es war der jüdische Verlobte einer Patientin des Vaters, den die Eltern seit geraumer Zeit versteckten und dem sie später zur Flucht verhalfen. „Ich durfte mit niemandem darüber reden”, erinnert sich Kahl heute. Und auch seine Eltern schwiegen. Wie so viele der „stillen Helden”.

„Wir dürfen das nicht mit heutigen Maßstäben messen”, weiß der Leiter der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel. „Heute gilt Widerstand gegen den Nationalsozialismus als uneingeschränkt positiv.” Gleich nach dem Krieg sei dies längst nicht so gewesen. Deshalb wurden die Namen der Retter oft erst durch die Überlebenden bekannt, die sich bei ihren Helfern bedanken wollten. Eugen Kahl drängten die eigenen Kinder, die Geschichte ihrer Großeltern aufzuschreiben.
Nicht nur Kinder der Retter, auch Nachfahren der Überlebenden gehörten zu den ersten Gästen der Ausstellung, die Ende Oktober eröffnet wurde. Maya Hill war extra aus den USA angereist. Ihre Existenz verdankt sie der Courage von Familie Kahl: War es doch ihr Vater, den sie auf dem Dachboden versteckt hatten. Auch die Söhne von Lilli Michalski, einer getauften Jüdin, von deren Schicksal in einer anderen Vitrine erzählt wird, waren zur Ausstellungseröffnung gekommen. Eine Arbeitskollegin des Vaters half der Mutter und den Söhnen damals bei der Flucht nach Österreich. Dabei hätten sich noch viel mehr Menschen als Retter erwiesen, betont der 1934 geborene Sohn Franz: „Wir haben Nächte in Hotels verbracht. Und die Hoteliers taten so, als wüssten sie nichts davon.”

Nicht alle Geschichten, die in der Gedenkstätte erzählt werden, haben ein Happy End. Nach Schätzungen der Veranstalter gingen in Deutschland über 10.000 Juden in den Untergrund, nur die Hälfte hat überlebt. Flog ein Versteck auf, mussten auch die Helfer die Konsequenzen fürchten. Dass sie trotzdem halfen, ist für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ein Vorbild für heute. „Die Erinnerung an diese tapferen Menschen ruft uns dazu auf, Angriffe auf die Würde des Menschen niemals zuzulassen”, mahnt er in seiner Eröffnungsrede.
Die Gedenkstätte soll erinnern, aber auch ermutigen für die Zukunft. Durch ihre Gestaltung wird sie vor allem junge Menschen, die Enkel-Generation der Retter ansprechen: Für sie gibt es Computer-Datenbanken und große Touchscreens. Vielleicht wird der ein oder andere so auch noch das stille Engagement seiner Großeltern ans Licht bringen.

Die Namen von 3000 Rettern und Geretteten wurden bislang zusammengetragen, insgesamt riskierten aber wohl um die 20.000 Deutsche ihr Leben für verfolgte Mitmenschen. Darum nennt Tuchel die „Gedenkstätte Stille Helden” auch eine „Dauerausstellung, die niemals fertig werden wird”. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht.
Martina Gnad/KNA
Die Gedenkstätte, Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin, ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet, www.gedenkstaette-stille-helden.de.