8. Jahrgang Nr. 11 / 28. November 2008 - 1. Kislew 5769

Tradition bewahren, Zukunft gestalten

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Erfurt – Landesvorsitzender Wolfgang Nossen setzt deutliche Akzent

Von Irina Leytus

Vor zehn Jahren wurden sie ausgegraben, haben in Ausstellungen bereits Station in Paris und New York gemacht, London und Jerusalem sollen folgen: ein silberner Becher im gotischen Stil, rund 3000 goldene Münzen französischer Prägung und als Höhepunkt, ein gigantischer Hochzeitring in Form eines Hauses oder Tempels mit der Schrift „Mazal tov”. Dieser „Schatz”, der sowohl Kunsthistoriker als auch geschichtlich Interessierte begeistert, soll aus einem Erfurter, wohlhabenden jüdischen Haushalt im 14. Jahrhundert stammen. Und er ist nicht das älteste Zeugnis jüdischen Lebens in Erfurt: Aus dem 11. Jahrhundert stammt die so genannte „Alte Synagoge”. Dieser historische Bau mit Museumscharakter, soll ab Oktober 2009 als Begegnungsstätte der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Bereits Anfang November fand in der alten jüdischen „Heimstätte” ein Konzert mit sephardischer Musik unter dem vielversprechenden Titel auf Ladino „Rahelica baila” (Rachel tanzt) statt.

Ladino, das „Jiddisch der Sepharden” wurde im Mittelalter von Juden in Spanien, Portugal, Italien und Südfrankreich gesprochen. Nicht weit entfernt von der „Alten Synagoge” in Erfurt liegt ein weiterer magischer jüdischer Ort, der „Frigido baneo” (kaltes Bad). Das „Kalte Wasser” - wie der Ladino-Name auch frei übersetzt werden kann - lag mitten in einem christlichen Erfurter Friedhof. Diese Mikwe, die unlängst bei Ausgrabungen in Erfurt entdeckt worden ist, soll etwa 1250 erbaut worden sein. Archäologische Spuren weisen auf noch ältere Vorgänger an dieser Stelle hin. All die kostbaren Kultur-Funde machen Erfurt plötzlich zu einem historisch bedeutenden Zentrum des Judentums im Mittelalter, das in einem Atemzug mit Köln, Mainz, Worms und Speyer erwähnt werden muss.

Im Vergleich dazu ist die so genannte „Kleine Synagoge”, in der heute das jüdisches Leben Erfurts stattfindet, relativ jung: 1840 wurde sie gebaut und schon bald zweckentfremdet. Heute wird das ursprüngliche Gotteshaus von der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen als Begegnungsstätte genutzt, dort finden Konzerte und Literaturabende von russischsprachigen Mitgliedern der Gemeinde statt. „99 Prozent unserer 800 Mitglieder sind Einwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion”, sagt der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Wolfgang Nossen. Die religiöse Integration ist unsere zentrale Aufgabe, auch wenn die Gemeinde ihren Mitgliedern ebenfalls Hilfe zur Selbsthilfe im täglichen Leben anbietet, so Nossen weiter. Auch wenn sich die Landesgemeinde keinen eigenen Gemeinderabbiner leisten kann, so lädt sie häufig Rabbiner und Vorbeter aus Israel oder Chernowitz ein. Außerdem können in Erfurt die Rabbinerstudenten vom Abraham Geiger Kolleg (Potsdam) praktische Erfahrungen sammeln. Die Gottesdienste finden in der „Neuen Synagoge” statt, die 1952 gebaut worden ist. Auch wenn die DDR damals kein klassisches Sakrales Gebäude genehmigt hat, so ist die Tatsache, dass zu dieser Zeit überhaupt eine Synagoge gebaut werden durfte, ein Indiz dafür, wie selbstbewusst, stolz und engagiert die Erfurter Juden nach dem Krieg waren. Auch die heutige Gemeinde setzt sich aktiv und selbstbewusst für die Stärkung des jüdischen Lebens in Erfurt, gegen Antisemitismus und Neonazismus ein.

Wolfgang Nossen, der in Breslau geboren und aufgewachsen ist, hat nach dem Krieg drei Jahre in Erfurt gelebt und wanderte dann nach Israel aus. Gleich nach der Wende fuhr er „aus Neugierde” nach Erfurt, traf dort seine Jugendliebe wieder und blieb in Thüringen. Heute widmet sich der 78-jährige voll und ganz den Belangen der Landesgemeinde. Aber nicht nur politisch und organisatorisch engagiert er sich, auch privat gilt sein ganzes Wirken den Interessen der jüdischen Gemeinschaft: So wollte er unlängst statt Geschenken eine Geldspende für die Wiedererrichtung und Pflege herrenloser Gräber auf dem Jüdischen Friedhof in Erfurt. Nossens Tun und Handeln ist geprägt von seinem Lebensmotto: reiche Tradition bewahren und Zukunft gestalten.