8. Jahrgang Nr. 11 / 28. November 2008 - 1. Kislew 5769

Auf der zentralen Gedenkfeier zum 9. November 1938 standen die Erinnerung an das schreckliche Geschehen und die Mahnung an Verantwortung, die daraus für die Zukunft erwächst, im Mittelpunkt

Präsidentin Charlotte Knobloch sagte:

[…] Jene Nacht muss uns und insbesondere den künftigen Generationen Mahnung und Auftrag sein. Wenn wir heute hier der Ereignisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gedenken, wenn wir uns in Anteilnahme, in Zorn und auch in Sprachlosigkeit das Leid der damals misshandelten, gedemütigten und ermordeten Opfer in Erinnerung rufen, dann müssen wir uns vor allem klar machen, dass dieser scheinbar drastische Wendepunkt, die Reichpogromnacht, nicht aus heiterem Himmel kam. Sie hatte einen Vorlauf. […] Der Wirklichkeit gewordene Alptraum in der Novembernacht heute vor 70 Jahren war kein spontanes Pogrom: Es war schrecklicher, jedoch nur vorläufiger Höhepunkt einer über Jahre sich verschärfenden, gezielt gegen die jüdische Bevölkerung sich richtenden Politik der Ausgrenzung, der Diskriminierung und der Vertreibung. […]
Sechs Jahre bin ich damals alt gewesen, als ich nach jener furchtbaren Nacht, am 10. November, an der Hand meines Vaters durch meine Heimatstadt hastete, die längst keine Heimat mehr war. […] Die Tränen, die ich damals als sechsjähriges Kind vergossen habe - ich habe seit diesem Tage niemals aufgehört, sie zu vergießen. […] Diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein, […] diese Willkür und Gewalt, die Herr über mein Leben geworden waren […] - sie sind in meinem Leben immer präsent, als ob es erst gestern geschehen wäre. Und mit diesem Gefühl bin ich nicht allein. Die gesamte Generation der Opfer vergießt ihr Leben lang diese Tränen und kann sich nicht dagegen wehren. Es ist unsere Pflicht, die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse […] lebendig und aufrecht zu erhalten und sie an unsere Kinder, an unsere Nachkommen weiterzugeben.
Das schulden wir all jenen Menschen, von denen wir damals plötzlich und für immer getrennt wurden, die plötzlich und für immer aus unserem - und aus ihrem - Leben gerissen wurden. Die zwischen 1933 und 1945 ermordeten sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens dürfen nie zu einer Fußnote der Geschichte degradiert werden!! […]
Und an dieser Stelle liegt es mir besonders am Herzen, diesen Tag der Besinnung und der Trauer auch zum Anlass zu nehmen, um all jenen meinen Dank auszusprechen, die die jüdische Gemeinschaft in jeder Hinsicht unterstützen. Es gibt alarmierende und es gibt positive Signale für die gemeinsame Zukunft. Die Aufbau- und Integrationsleistung von Seiten der jüdischen Gemeinden in den letzten Jahren wäre ohne die Unterstützung und den Rückhalt, die die jüdischen Gemeinschaft durch die Bundesregierung erfuhr, nicht zu schultern gewesen. […]
Die Entscheidung, welchen Weg in diese Zukunft wir einschlagen, liegt bei uns und unseren Kindern und Enkeln. Ich wünsche uns allen Kraft, Mut und Einsicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. […]
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Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte:


Heute, am 70. Jahrestag, gedenken wir der Pogromnacht von 1938. Wir gedenken einer dunklen Nacht, die stellvertretend für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte steht: Die Shoa. Wir gedenken in dieser Nacht vom 9. auf den 10. November eines beispiellosen, sich systematisch steigernden Ausgrenzungs- und Entrechtungsprozesses.
Am Anfang, am 10. Mai 1933, brannten Bücher. Am 9. November 1938 brannten Synagogen - 1.400 in ganz Deutschland in wenigen Stunden. Und bald danach brannte ganz Europa. Wir gedenken - wie der Historiker Dan Diner es formulierte - der „Katastrophe vor der Katastrophe”. Die Pogromnacht war nicht das erste Verbrechen an der jüdischen Gemeinschaft. Und sie war nicht das letzte. Sie war eine weitere Eskalationsstufe auf dem Weg zur organisierten Ermordung von sechs Millionen Juden […]
[…] Wir können das geschehene Unrecht der Shoa nicht ungeschehen machen[…] Aber wir können etwas anderes: Wir können Verantwortung übernehmen, indem wir zeigen, dass … Freiheit und Menschenwürde von uns allen in Gefahr sind, wenn die Freiheit und die Menschenwürde einiger von uns der Gefahr ausgesetzt werden[…]
[…] Wir dürfen nicht schweigen. Es darf uns nicht gleichgültig sein, was passiert. Wir dürfen nicht schweigen, wenn Rabbiner auf offener Straße beleidigt werden. Wir dürfen nicht schweigen, wenn jüdische Friedhöfe geschändet werden. Wir dürfen nicht schweigen, wenn antisemitische Straftaten begangen werden. […]
[…] Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Juden in Deutschland nach dem Zivilisationsbruch durch die Shoa wieder Vertrauen in unser Land fassen konnten. […] es ist alles andere als selbstverständlich, wenn Synagogen in Deutschland eingeweiht werden, wenn jüdische Gemeinden wieder erstehen, Rabbiner ordiniert sowie Gottesdienste, Trauungen, Bar und Bat Mitzwa gefeiert werden. …Jüdisches Leben muss einen guten Platz und eine gute Heimat in Deutschland haben […]
Die systematische Ausgrenzung, Entrechtung und Entfernung der Juden, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 für jeden sichtbar wurden, [...] gibt uns Deutschen eine immerwährende Verantwortung auf, für ein Land einzutreten, das den einzelnen Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt stellt, das Vielfalt will und unterstützt, das Zivilcourage und solidarisches Engagement stärkt, das sich der Bedeutung des Schatzes von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit immer wieder aufs Neue bewusst wird und Angriffe darauf niemals schweigend und gleichgültig zur Kenntnis nimmt und das in der immerwährenden Erinnerung an die Shoa eine Voraussetzung dafür erkennt, die Zukunft unseres Landes gestalten zu können. Das ist unsere Verantwortung heute, es ist unsere Verpflichtung, 70 Jahre nach dem 9. November 1938.