8. Jahrgang Nr. 11 / 28. November 2008 - 1. Kislew 5769

„Nicht noch einmal, nie wieder”

In zahlreichen Städten wurde am 9. November der Pogromnacht gedacht. Bei einer zentralen Gedenkfeier riefen Bundesregierung und der Zentralrat der Juden gemeinsam zum Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus auf

Zukunft 8. Jahrgang Nr. 11
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Von Gaby Hommel

In Schulen, Parlamenten und Kirchen, mit Mahnwachen, Schweigemärschen, Lesungen, Ausstellungen und Plakataktionen wurde Anfang des Monats an den 70. Jahrestag des 9. Novembers 1938 erinnert. Die zentrale Gedenkveranstaltung, ausgerichtet von der Bundesregierung und dem Zentralrat der Juden in Deutschland, fand in der Berliner Synagoge Rykestraße statt. Über 1000 Gäste aus dem In- und Ausland nahmen daran teil, darunter Bundespräsident Horst Köhler, fast das gesamte Kabinett, prominente Vertreter aus Gewerkschaften, Justiz, Polizei und Kultur, Repräsentanten der christlichen Kirche, Angehörige der muslimischen Glaubensgemeinschaft und nicht zuletzt Zeitzeugen jener Nacht, in der 1400 Synagogen zerstört, 7000 jüdische Geschäfte geplündert, 30.000 Menschen verhaftet und verschleppt sowie hunderte sofort ermordet wurden.
„Seite an Seite, wie Schwestern”, schrieb der Berliner Tagesspiegel, betraten Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch und Bundeskanzlerin Angela Merkel die Synagoge in Prenzlauer Berg; eine der wenigen, die in der Pogromnacht nicht in Flammen aufging. In ihren Gedenkreden betonten beide, dass die schrecklichen Ereignisse vor 70 Jahren nicht aus heiterem Himmel geschehen sind, sondern dass ihnen eine systematische Entrechtung der jüdischen Bevölkerung vorangegangen ist, begleitet vom Schweigen und Wegschauen der Mehrheit. „Der Irrglaube, nicht betroffen zu sein”, sagte Merkel, der mangelnde Mut, einzuschreiten, „vom Einzelnen bis in weite Teile der Kirche”, habe wesentlich zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte beigetragen.
Der „Zivilisationsbruch der Shoa”, so die Worte der Kanzlerin, sei nicht ungeschehen zu machen. Doch resultiere daraus eine „immerwährende Verantwortung”. Wenn heute wieder jüdische Friedhöfe geschändet, Rabbiner auf offener Straße angegriffen und Rechtsradikale in Parlamente gewählt würden, dann dürfe nicht mit den Achseln gezuckt werden. Vielmehr sei es Aufgabe insbesondere der deutschen Regierung und Gesellschaft, jüdisches Leben und jüdische Kultur zu schützen und zu fördern. Sie sollten „eine gute Heimat in Deutschland haben.” Die Regierungschefin bekannte ausdrücklich, die Sicherheit Israels zu schützen, sei Teil der Staatsräson Deutschlands.
Charlotte Knobloch hatte die Pogromnacht als sechsjähriges Mädchen erlebt - Mit schlichten Worten schilderte sie ihre damaligen Eindrücke: Wie sie an der Hand ihres Vaters, der einen anonymen Warnanruf erhalten hatte, durch München irrte, wie sie mit ansehen musste, dass der Freund, bei dem sie Schutz suchen wollten, mit blutendem Kopf aus der Wohnung gezerrt wurde. „Ich habe seitdem jeden Tag Tränen vergossen”, mahnte sie sichtlich bewegt an den Auftakt der Shoa und forderte das historische Vermächtnis zu ziehen. „Nicht noch einmal, nie wieder”.
Aktuell trat die Präsidentin des Zentralrats erneut für ein Verbot der NPD ein und kritisierte die mangelnde Durchsetzungskraft der Politik gegenüber „brauen Rattenfänger”. Es gelte „sensibler zu sein, für leise und weniger leise Signale”, verlangte sie. Jüngste Vergleiche der Judenverfolgung mit der Kritik an Managergehältern, zuletzt angestellt von Niedersachsen Ministerpräsident Christian Wulff unmittelbar vor dem Jahrestag der Pogromnacht, seien nicht hinnehmbar. Ebenso wenig der Empfang des früherem iranischen Staatspräsidenten Chatami in Freiburg. Nur eine gelebte, lebendige Demokratie könne Rassismus und Antisemitismus entgegenwirken, erklärte Charlotte Knobloch und schloss ihre Rede mit dem emotionalen Appell an die Jugend: „Lasst euch von niemanden in der Welt einreden, wen ihr zu lieben oder zu hassen habt.”
Während Kantor Isaac Scheffer den Gedenkakt in Berlin mit dem jüdischen Totengebet beendete, versammelten sich in Berlin und vielen andern Städten die Menschen, um auf ihre Art der Pogromnacht zu gedenken. „Zeit vergeht - Verantwortung nicht”, lautete das Motto eines Zuges, der vom Roten Rathaus in der Hauptstadt zur neuen Synagoge in der Oranienburger Straße führte. In München wurde auf Straßen und Plätzen die öffentliche Verlesung der Namen von Opfern der Shoa fortgesetzt. Von der Fahrradtour zu historischen Schauplätzen bis hin zu Berichten der wenigen noch Überlebenden in Schulen und Universitäten, reichte die Bandbreite der Gedenkveranstaltungen. Ein unmissverständliches Zeichen zum 70. Jahrestag der „Reichskristallnacht” setzte die Neueröffnung von Synagogen In Göttingen, Speyer und Lörrach.