19.11.2008

Ansprache von Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland anlässlich der Zentralen Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht

am 9. November 2008 in der Synagoge Rykestraße in Berlin

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrter Herr Bundesaußenminister,
Exzellenz, Herr Botschafter Ben-Zeev,
sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister Wowereit,
Exzellenzen, meine Damen und Herren,

wir alle sind uns der hohen Bedeutung des Anlasses bewusst, der uns heute in der Synagoge Rykestraße zusammengeführt hat. Es ist der Tag, an dem sich die Reichspogromnacht zum 70. Male jährt; die Reichspogromnacht, die mit der Hetzrede von Propagandaminister Goebbels im Alten Rathaus Münchens ihren Anfang nahm und die Gewalt, Zerstörung und Tod über jüdische Deutsche brachte.

Jene Nacht muss uns und insbesondere den künftigen Generationen Mahnung und Auftrag sein.

Wenn wir heute hier der Ereignisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gedenken, wenn wir uns in Anteilnahme, in Zorn und auch in Sprachlosigkeit das Leid der damals gedemütigten, misshandelten und ermordeten Opfer in Erinnerung rufen, dann müssen wir uns vor allem klar machen, dass dieser scheinbar drastische Wendepunkt, die Reichspogromnacht, nicht aus heiterem Himmel kam. Sie hatte einen Vorlauf.

Schon Monate vor dem eigentlichen Pogrom kamen nicht nur die schändlichen Nürnberger Rassegesetze zur Anwendung. Die Behörden übersahen geflissentlich die Anwendung von körperlicher bis hin zu Waffengewalt gegenüber jüdischen Bürgern oder befahlen, wie im Falle des Abrisses der Synagogen, die Zerstörung jüdischen Eigentums.

Der Wirklichkeit gewordene Alptraum in der Novembernacht heute vor 70 Jahren war kein spontanes Pogrom: Es war schrecklicher, jedoch nur vorläufiger Höhepunkt einer über Jahre sich verschärfenden, gezielt gegen die jüdische Bevölkerung sich richtenden Politik der Ausgrenzung, der Diskriminierung und der Vertreibung.

Sechs Jahre bin ich damals alt gewesen, als ich nach jener furchtbaren Nacht, am 10. November an der Hand meines Vaters durch meine Heimatstadt München hastete, die längst keine Heimat mehr war. Damals wurde mein Vater durch einen anonymen Telefonanruf darüber informiert, dass etwas gegen die Juden im Gange sei, und dass er mit seiner Familie sofort die Wohnung verlassen sollte. Wie wir danach erfuhren, kamen die Schergen der Ortstruppe nur wenig später in unsere Wohnung, auf der Suche nach ihm.

Als mein Vater durch einen Anruf von einer Telefonzelle aus dann auch noch feststellen musste, dass die Gestapo auch in seiner Kanzlei bereits auf ihn wartete, wurde uns die erschreckende Tragweite der Geschehnisse klar: Wir waren jedes bekannten, gewohnten Ortes beraubt worden. Niemand konnte uns jetzt mehr wirklich Schutz, Sicherheit und Geborgenheit gewähren.

Auf unserem ziellosen Weg durch die Stadt München sah ich die zertrümmerten Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte, ich sah die Rauchsäule über der Synagoge, und ich sah die teilnahmslosen Gaffer, sprich Zuschauer.

Wir waren dann auf dem Weg zu einem befreundeten Kollegen meines Vaters, Justizrat Rothschild, den ich immer mit Begeisterung Opa Rothschild nannte. Als wir ankamen, wurde dieser gerade mit blutendem Kopf aus seinem Haus gezerrt und in einen bereitstehenden Wagen gestoßen – niemand sah ihn wieder.

Ich hatte nur Angst, und die Zukunft hatte in diesem Moment für mich aufgehört zu existieren. Das kleine Mädchen, das ich gewesen bin und das damals des Vaters Hand nicht lassen mochte, verstand nichts und dennoch alles.

Die Tränen, die ich damals als sechsjähriges Kind vergossen habe – ich habe seit diesem Tage niemals aufgehört, sie zu vergießen. Sie begleiten mich ein ganzes Leben lang.

Diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein, das ich damals spüren musste, diese Willkür und Gewalt, die Herr über mein Leben geworden war und davon Besitz ergriffen hatte – sie sind in meinem Leben immer präsent, als ob es erst gestern geschehen wäre.

Und mit diesem Gefühl bin ich nicht allein.

Die gesamte Generation der Opfer vergießt ihr Leben lang diese Tränen und kann sich nicht dagegen wehren.

Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrte Damen und Herren,

es ist unsere Pflicht, die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse jener Nacht und des Tages lebendig und aufrecht zu erhalten und sie an unsere Kinder, an unsere Nachkommen weiterzugeben.

Das schulden wir all jenen Menschen, von denen wir damals plötzlich und für immer getrennt wurden, die plötzlich und für immer aus unseren – und aus ihrem – Leben gerissen wurden. Die zwischen 1933 und 1945 ermordeten sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens dürfen nie zu einer Fußnote der Geschichte degradiert werden!

Verehrte Anwesende,

erinnern wir uns aber auch an die bemerkenswerte Identifikation, an die Kooperation und gemeinsame Tradition von Juden und Nichtjuden, die es einmal in diesem Lande gab. Sie alle kennen die illustren Namen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Kultur: Denken wir an die 12.000 jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren. Die jüdischen Menschen fühlten sich damals als stolze Bürger dieses Landes, als Patrioten! Bis sich plötzlich ein Teil der Deutschen gegen den anderen, den jüdischen Teil wandte, um ihn zu vernichten.

Die Anzeichen für diese Katastrophe wurden von vielen jüdischen Menschen nicht erkannt oder gar ignoriert: Keiner wollte glauben, dass die Heimat plötzlich keine Heimat mehr sein sollte, dass aus dem Vaterland das Land der Mörder geworden war.

Ich selbst habe dies in meiner eigenen Familie erlebt. Als mein Vater die Benachrichtigung über den Entzug seiner Rechtsanwaltszulassung erhielt, ging er mit den Auszeichnungen, die er für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 erhalten hatte, zur Rechtsanwaltskammer. Er hatte gehofft, dass dort der Entzug rückgängig gemacht würde. Er bekam nur höhnisches Gelächter zur Antwort. Die Welt war aus den Fugen geraten. Nichts mehr war so, wie es einmal war.

Und dennoch: das Gefühl der Heimat bleibt das große Paradox. Wer mit dem Leben davonkam und emigrieren konnte, empfand häufig durch den Verlust der Heimat seine Liebe zur selbigen noch potenziert.

Als tragisches Beispiel für diese Beobachtungen möchte ich Jean Améry nennen, den 1912 in Wien geborenen Schriftsteller. Améry war aktiv im Widerstand gegen das Hitlerregime. Er wurde von der Gestapo in Belgien verhaftet und überlebte unter anderem die Vernichtungslager Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen.

Seine Erlebnisse schrieb Améry in dem Essay- Band „Jenseits von Schuld und Sühne" nieder. Ich erlaube mir, Ihnen eine Passage daraus vorzulesen. Die Szene spielt in Belgien, wohin der Autor geflohen war. Ich zitiere:

„Die Heimat ist das Kindheits- und Jugendland. Wer sie verloren hat, bleibt ein Verlorener. Alle Implikationen dieser Einbuße wurden mir erst richtig erkennbar, als 1940 die Heimat in Gestalt der deutschen Eroberertruppen uns nachrückte.

Ein besonders unheimliches Erlebnis fällt mir ein, das ich 1943 hatte, kurz vor meiner Verhaftung. Unsere Widerstandsgruppe hatte damals einen Stützpunkt in der Wohnung eines Mädchens. Es wohnten in ihrem Haus auch deutsche Soldaten, was uns aber im Hinblick auf die Sicherheit des Quartiers eher günstig erschienen war. Eines Tages nun ereignete es sich, dass der unter unserem Versteck wohnende Deutsche sich durch unser Reden und unsere Hantierungen in seiner Nachmittagsruhe gestört fühlte.

Er stieg hoch, pochte an die Tür, trat polternd über die Schwelle ein: ein SS -Mann mit schwarzen Aufschlägen und den eingewebten Zeichen ausgerechnet des Sicherheitsdienstes! Wir alle waren bleich vor tödlichem Schreck, denn im Nebenzimmer standen die Utensilien unserer, ach, den Bestand des Reiches so wenig gefährdenden Propagandaarbeit. Der Mann aber verlangte brüllend Ruhe. Er stellte seine Forderungen – und dies war für mich das eigentlich Erschreckende an der Szene – im Dialekt meiner eigenen Heimat. Ich hatte lange diesen Tonfall nicht mehr vernommen, und darum regte sich in mir aber der aberwitzige Wunsch, ihm in seiner eigenen Mundart zu antworten. Ich befand mich in einem paradoxen, beinahe perversen Gefühlszustand vor schlotternder Angst und gleichzeitig aufwallender familiärer Herzlichkeit."

Diesen Verlust der Heimat, diese Zerrissenheit der eigenen Identität, verehrte Damen und Herren: ich habe sie auch erlebt!

Waren also mein Vater und die vielen anderen in Deutschland lebenden Juden wirklich naiv, weil sie Hoffnung hatten, die Übergriffe gegenüber Juden seien nur Einzelereignisse? Hätten die Berliner, die Frankfurter, Münchner oder Nürnberger Bürger jüdischen Glaubens schon viel früher misstrauischer gegenüber der Weimarer Republik und den eigenen Landsleuten sein müssen?

Warum, fragen wir uns heute, warum unterschätzten sie so lange, welche mörderische Kraft stetig angeheizte antisemitische Vorurteile in Menschen entfalten können? Alle diese Überlegungen und die Frage nach der furchtbaren Dynamik der scheinbaren Unaufhaltsamkeit der Ereignisse, die nur kurze Zeit später Millionen Menschen in den Abgrund riss: sie verfolgen mich zeitlebens.

Frau Bundeskanzlerin,
verehrte Anwesende,

die als „Reichskristallnacht" in die Nazi-Propaganda eingegangene Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam, wie gesagt, nicht aus heiterem Himmel. Wenn wir uns also die Frage stellen: hätte man damals früher erkennen müssen, was bevorsteht? – dann ist der Auftrag an uns alle für die Zukunft klar: es gilt, sensibel zu sein für die leisen – und auch weniger leisen – Signale antidemokratischer Entwicklungen in unserer Gesellschaft.

Und so sorgten die Ergebnisse der Kommunalwahlen in Brandenburg durchaus für Unbehagen. Die Zugewinne der rechtsradikalen Parteien, die dort angetreten waren, kann man nicht anders als erschreckend bezeichnen. Mit Blick auf die im nächsten Jahr stattfindenden Landtagswahlen war das Ergebnis besonders für die NPD leider ein voller Erfolg.

Durch gemäßigtes Auftreten wollen die braunen Parteistrategen Wähler für sich gewinnen. Nicht als glatzköpfige Schläger, sondern verkleidet als Biedermänner, die Familienfeste, Jugendtreffs und Musikveranstaltungen organisieren, schleichen sie sich in die Mitte der Gesellschaft ein. Dass diese durchsichtige Masche ganz offensichtlich zunehmenden Erfolg hat, wirft ein grelles Licht auf die mangelnde Durchsetzungskraft der demokratischen Kräfte im Umgang mit den Rechten.

Und doch: So bedrückend und stellenweise bedrohlich das Problem des Rechtsextremismus in Deutschland auch zunehmend scheint, so eindeutig ist – Gott sei Dank! – das Bekenntnis seitens der im Bundestag vertretenen Parteien dem rechtsradikalen Gedankengut den Kampf anzusagen und für die Anerkennung des Existenzrechts Israels einzutreten.

„Der Aufschwung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland ist ein Grund zu großer Freude" heißt es in der nach zähem und nicht sehr erbaulichem Ringen im Deutschen Bundestag verabschiedeten Resolution anlässlich des heutigen 70. Jahrestages. Die Abgeordneten aller Fraktionen sprechen sich klar für die Förderung jüdischen Lebens in Deutschland aus, und sie mahnen zum entschlossenen Kampf gegen Judenhass und Antisemitismus. Denn, so steht es im Wortlaut des Beschlusses: diese sind "noch immer ein ernst zu nehmendes gesellschaftliches Problem in Deutschland".

Die Statistik spricht hier leider eine deutliche Sprache: Jede Woche wird in Deutschland im Durchschnitt ein jüdischer Friedhof geschändet und allein im zweiten Quartal 2008 wurden 266 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund gemeldet – davon sieben Gewalttaten und 60 Propagandadelikte. Das Expertengremium zur Entwicklung des Antisemitismus, das in dem Beschluss gefordert wurde, wäre daher ein wichtiger Schritt. Ein solches Gremium würde es ermöglichen, Material und Informationen wissenschaftlich aufzuarbeiten, um klare Wege aufzuzeigen, wie den braunen Rattenfängern entgegen gearbeitet werden könnte.

Machen wir uns jedoch nichts vor: so anerkennenswert und wichtig diese Bemühungen von staatlicher Seite sind – nur eine gelebte, lebendige Demokratie kann gesunde Abwehrmechanismen gegen rechtsextremes Gedankengut entwickeln. Umso mehr gilt es daher, auch die kleinen Erfolge der vielen engagierten Initiativen und Projekte gegen Rechts zu würdigen und sie tatkräftig zu unterstützen. Jede Anstrengung, ein Umdenken zu erreichen und die verhängnisvolle Kette der Weitergabe von Vorurteilen an die nächste Generation zu durchbrechen, verdient größtes Lob und Anerkennung.

Es genügt aber mir nicht, vor den alt-neuen Nazis zu warnen und beispielsweise ein NPD Verbot zu erlangen. Es genügt mir nicht, wenn ein Politiker, dem man eine Vorbildfunktion zurechnet, die gegenwärtigen Finanzthemen mit dem Nazigräuel vergleicht. Dieses mangelnde Geschichtsbewusstsein ist nicht hinzunehmen.

Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrte Damen und Herren,

nicht erst seit ich Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland bin, bin ich kreuz und quer in Deutschland unterwegs, um mit Menschen zu sprechen. Es liegt mir sehr am Herzen, mir vor Ort ein Bild über die Initiativen und Projekte gegen Rechts zu machen. Es liegt mir auch am Herzen, die Situation der jüdischen Gemeinden kennen zu lernen und die Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden zu fördern.

In den letzten Jahren gab es gleich mehrere Termine, die mich immer ganz besonders freuen: Neu entstandene jüdische Gemeindezentren werden eröffnet und eine ganze Reihe von Synagogen eingeweiht. Auch die Synagoge hier in der Berliner Rykestraße, in der wir heute zusammengekommen sind, wurde erst vor zwei Jahren in ihrer ganzen Pracht wiedereröffnet.

Und an dieser Stelle liegt es mir besonders am Herzen, diesen Tag der Besinnung und der Trauer auch zum Anlass zu nehmen, um all jenen meinen Dank auszusprechen, die die jüdische Gemeinschaft in diesem Lande in jeder Hinsicht unterstützen.

Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin,

mein Dank gilt zu allererst Ihnen. Die Aufbau- und Integrationsleistung von Seiten der jüdischen Gemeinden in den letzten Jahren wäre ohne die Unterstützung und den Rückhalt durch die Bundesregierung nicht zu schultern gewesen.

Das in gemeinsamer Anstrengung Geschaffene, wenn auch noch längst nicht Vollendete, bestätigt zudem, was durch den Staatsvertrag zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden in Deutschland bekräftigt wurde. So unverzichtbar finanzielle Absicherung des jüdischen Gemeindelebens war und bleibt, so zentral ist auch die im Staatsvertrag enthaltene Erklärung der Bundesregierung, jüdisches Leben in Deutschland sei politisch erwünscht, willkommen und muss gestärkt werden.

Ihnen, wie auch den verschiedenen Landesregierungen, Kommunen und Initiativen, die diese Aufbauleistungen unterstützen, meinen herzlichsten und verbindlichsten Dank!

Es gibt alarmierende und es gibt positive Signale für die gemeinsame Zukunft. Die Entscheidung, welchen Weg in diese Zukunft wir einschlagen, liegt bei uns und unseren Kindern und Enkeln. Ich wünsche uns allen Kraft, Mut und Einsicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Frau Bundeskanzlerin,
verehrte Anwesende,

Glück und einige wenige mutige Menschen haben es mir ermöglicht, den braunen Terror zu überleben. Ich kann aus eigenem Erleben bezeugen, welch zerstörerische und menschenverachtende Kraft rechtsradikale Gesinnung entfalten kann.

Wer die nationalsozialistische Diktatur überlebt hat, weiß jedoch auch, dass Verfolgung, Gewalt und Mord gesellschaftliche Vorstufen haben. Wegschauen ist eine davon. Sich abwenden, wenn Menschen in Bedrängnis geraten, geflissentlich weghören, wenn Vorurteile verbreitet werden, und abwiegeln, wenn rechte Gewalttaten angeprangert werden – das alles sind Anfänge, denen es zu wehren gilt!

Genau aus diesem Grund ist es unerlässlich, die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten. Denn sie hat uns ein sehr präzises Vermächtnis hinterlassen. Es lautet: Nicht noch einmal! Nie wieder! Die Geschichte verpflichtet uns, laut „Nein!"zu sagen, wenn heute wieder unsere Gräber geschändet werden. Den braunen Banden die Stirn zu bieten, wenn sie es wagen, durch unsere Städte zu stiefeln. Sich zu wehren, wenn im Iran unverhohlen die Shoa geleugnet, Israel als Krebsgeschwür bezeichnet und von der Landkarte getilgt werden soll, und gleichzeitig auch atomar gerüstet wird. Und nie zu vergessen, wozu unsere Thora verpflichtet – und diese Verpflichtung hat auch das Christentum übernommen: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!

Mein Bericht aus den dunklen Jahren des Nazi-Terrors soll auch daran erinnern, dass wir Zeitzeugen irgendwann für immer verstummen werden. Die Erinnerung der überlebenden Opfer und das Andenken an die Ermordeten zu wahren, ist die vornehmste Aufgabe der nachwachsenden Generationen. Die immer wieder erhobene Forderung, „es müsse endlich Schluss sein" mit dem Erinnern, erscheint verführerisch einleuchtend. Wer diesem Wunsche nachgibt, macht sich jedoch zum Helfershelfer rechter Rattenfänger.

Um meiner Mahnung an das Verantwortungsbewusstsein junger Menschen Nachdruck zu verleihen, möchte ich mit dem Gedenken an den aus Polen stammenden Henryk Mandelbaum anschließen, dessen Lebensinhalt der Kampf gegen das Vergessen war. Er war einer der wenigen Überlebenden des Häftlingssonderkommandos im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dort zwang ihn die SS , die noch Lebenden zu beruhigen, den Gebrechlichen beim Entkleiden zu helfen und anschließend die Leichen der vergasten Menschen in das Krematorium zu tragen.

Mandelbaum zählte nach dem Ende der Kriegskatastrophe zu den wenigen, die Kraft und Worte fanden, öffentlich über das Erlebte zu sprechen. Aufklären, benennen, zeigen hielt er für die wirkungsvollste Methode, um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Alles sollte berichtet werden, alles sollten die Nachgeborenen erfahren, bis hin zu der genauen Zeitspanne, die die Menschen in den Gaskammern leiden mussten, bis sie grausam erstickten und vom Tod erlöst wurden. Im Anschluss an seine Führungen und Vorträge gab Henryk Mandelbaum den Jugendlichen eine kategorische Bitte mit auf den Weg, die ich heute selbst an die jungen Menschen weitergeben möchte: „Ich bitte euch um eins: Lasst euch von niemandem auf der Welt einreden, wen ihr zu lieben und wen ihr zu hassen habt."

Ich danke Ihnen.

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Rede von Bundeskanzlerin Merkel