8. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2008 - 2. Cheschvan 5769

Wenn sich Geschichte häutet

Das Bochumer Kunstmuseum zeigt in der Ausstellung „Kibbuz“ Arbeiten von Patrick Faigenbaum und Penny Hes Yassour

Der Titel der jüngsten Ausstellung im Museum Bochum verrät wenig. Wer den Ruf des Hauses und die Arbeiten der beteiligten Künstler nicht kennt, könnte eine dokumentarische Darstellung der israelischen Dorfgemeinschaften oder gar die Präsentation von „Kunst aus dem Kibbuz" erwarten. Tatsächlich trifft der Besucher aber auf Werke von zwei international renommierten Künstlern und eine Schau, die den Begriff „Kibbuz" als Metapher interpretiert. „Er löst Assoziationen aus, erweckt Bilder einer quasi sozialistischen Lebensweise", erläutert Dr. Hans Günther Golinski, Direktor des Bochumer Museums, und verspricht Fragen nicht nur nach den geschichtlichen Ursachen und der Zukunft eines besonderen Lebensmodells. Unter Bezugnahme auf die geschichtsträchtigen Siedlungen werde Utopie und Wirklichkeit, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft thematisiert.
Entstanden ist die ambitionierte Ausstellung in Kooperation mit Mishkan Le Omanut, dem Kunstmuseum im Kibbuz Ein Harod. Penny Hes Yassour, 1950 geboren, lebt und arbeitet in dem Kibbuz. Ihre Werke beschäftigen sich mit Erinnerung. „Aber nicht als eine, die Vergangenheit meint, sondern die ein aktives Element der Gegenwart ist", sagt sie. Es gehe darum, Geschichte aktuell und als Teil des Lebens zu begreifen. Hierzu begibt sich die Künstlerin in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld häufig auf Spurensuche. Seit einigen Jahren setzt sie sich insbesondere mit Kultur- und Architekturgeschichte der vom Aussterben bedrohten Kibbuzim auseinander. So ist in der Bochumer Ausstellung etwa „Deep Skin" zu sehen, eine 2005 entstandene, wahrhaft monumentale Installation. Der Abguss der Gebäudewand eines Kulturhauses, das in der Gründerzeit der Kollektivsiedlungen gebaut und nie fertig gestellt wurde, zeigt ihr heutiges Aussehen plastisch.
Daneben sind Zeichungen der Künstlerin ausgestellt, die nur vermuten lassen, dass es sich um Abbildungen konkreter Situationen handelt. Der Blick aus ihrem Atelier, einem umgebauten Hühnerstall, auf Reste eines landwirtschaftlichen Betriebes ist nur ein Beispiel dafür. Stets sieht der Betrachter etwas, von dem er nicht weiß, ob es sich im Verfall oder Aufbau befindet. Die menschenleeren Zustände wirken labil, geben keine zeitliche oder räumliche Orientierungshilfe. Als „Häutung von Geschichte" charakterisiert Golinski die Arbeiten von Yassour. Sie selbst spricht von „mentalen Landkarten".
Patrick Faigenbaum, 1954 geboren, lebt und lehrt in Paris. Bereits seit einigen Jahren arbeitet er an einer Fotoserie, die Bewohner des Kibbuz Ein Harod zeigt. Dabei sind Halb- und Ganzporträts, Einzel- und Gruppenaufnahmen, farbige und schwarzweiß Abzüge entstanden. Manche erinnern an Gemälde alter Meister, sind mit Licht und Schatten aufwendig in Szene gesetzt. Andere scheinen Situationen eher zufällig fest zu halten, ähneln Schnappschüssen. Unterschiede in Stil und Technik der Einzelwerke entsprechen dem Anspruch des Fotografen, der jeweiligen Individualität der dargestellten Personen Rechnung zu tragen. „Wenn ich Menschen fotografiere", sagt Faigenbaum, „möchte ich sie zu dem Punkt bringen, dass sie ganz bei sich sind." Als würden sie die Zeit vergessen. „Es ist dann so, als sei ich nicht da."
Das Bochumer Museum zeigt rund 30 der aufwendig gestalteten Bilder, die ohne um die konkrete Lebensgeschichte der abgelichteten Menschen zu wissen, unweigerlich nach ihren Erfahrungen und Erlebnissen fragt. Die vollständige Serie wird demnächst in Ein Harod präsentiert werden. Etwa 150 Familien zählt die kleine Gemeinschaft im nördlichen Galiläa und besitzt mit dem Museum of Art eine Einrichtung, die nicht nur innerhalb des Landes von sich reden macht. 2003 reiste der Bochumer Museumschef erstmals dorthin und war von dem bereits in den zwanziger Jahren gegründeten Haus begeistert. Es drücke aus, welche Bedeutung die Kunst für Menschen, selbst in schweren Zeiten, habe, sagt er.
Unter Schirmherrschaft des israelischen Botschafters in Berlin, Yoram Ben-Zeew, und Prof. Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages ist „Kibbuz" noch bis zum 11. Januar 2009 zu sehen.
Kunstmuseum Bochum, Kortumstraße 147, 44777 Bochum, Telefon: (0234) 5 16 00-30, Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 20 Uhr.
gh