8. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2008 - 2. Cheschvan 5769

Vom Schuppen zum Gotteshaus

Zerlegt, transportiert und wieder aufgebaut: In Göttingen wird die historische Fachwerksynagoge am 9. November wieder geweiht

Von Gaby Hommel

Acht mal acht Meter ist das künftige Gebetszentrum der Jüdischen Gemeinde Göttingen klein. Ein aus Holz und Lehm gebautes Häuschen, fast 200 Jahre alt, das zuletzt als Stall eines Bauern gedient hatte. Bis vor zwei Jahren stand es noch in Bodenfelde, einem Dorf etwa 50 Kilometer von Göttingen gelegen. Dann wurde die kurz vor dem Zerfall stehende Ruine mit Hilfe modernster Bautechnik in Teile zerlegt, auf Sattelschlepper verfrachtet und in der Universitätsstadt neu zusammengesetzt. Rund 200.000 Euro haben die Arbeiten gekostet und mehr Zeit beansprucht als geplant. Am 9. November, auf den Tag genau 70 Jahre nach der Pogromnacht, ist es aber endlich soweit: Die etwa 1825 entstandene Bodenfelder Dorfsynagoge wird neu geweiht werden.
„Wir haben sie gekauft, ohne dass klar war, wohin sie kommt", sagt Susanne Levi-Schlesier, Geschäftsführerin der knapp 300 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde Göttingen. „Es war ein Abenteuer." Kein Stückchen des nach seiner Wiederentdeckung unter Denkmalschutz gestellten Gebäudes hätte ohne Genehmigung bewegt werden dürfen. Per Ratenzahlung, wie gerade Geld da war, sei es erworben und notdürftig gepflegt worden. Zu einem Zeitpunkt, als die1994 wieder entstandene Gemeinde selbst noch kein Dach über dem Kopf hatte und schon gar nicht die Mittel zur Umsetzung des historischen Hauses.
Aus welchen Gründen die Bodenfelder Synagoge die Brandnacht überlebte, ist geschichtlich nicht gesichert. Wahrscheinlich schützte das alte Gotteshaus allein der Umstand, dass es sich bereits 1939 nicht mehr im jüdischen Besitz befand. Ein benachbarter Bauer hatte es erstanden, kurz bevor die Familie, auf deren Hof es damals war, ihr Eigentum hatte veräußern müssen und vertrieben worden war. Dem Enkel des Landwirts rang es die Gemeinde in Göttingen schließlich wieder ab und bewerkstelligte, finanziell unterstützt vor allem vom örtlichen „Förderverein für ein jüdisches Zentrum", den Umzug des ehrwürdigen Hauses auf seinen neuen Platz. „Wir haben Fachwerk mit Fachwerk gepaart", beschreibt Susanne Levi-Schlesier die Lage im Garten des ebenfalls unter Denkmalschutz stehenden Sitzes der Gemeinde.
Das frühere Anwesen der Evangelischen Kirche, 3600 Quadratmeter groß und nahe der Innenstadt gelegen, war ihr vor acht Jahren übereignet worden. Möglich gemacht hatten dies zahlreiche Spenden, nicht zuletzt von Seiten der christlichen Kirchen. An ersten Instandsetzungskosten beteiligte sich die Landesregierung in Hannover. Trotzdem konnte die Gemeinde erst 2004 einziehen und sich bislang auch nur unfertig einrichten. Entsprechende Sorgen bereitet ihren Mitgliedern der bevorstehende Festakt. 700 Gäste sind geladen, von denen die Mehrzahl im provisorisch eingerichteten Obergeschoss des Gemeindehauses empfangen werden muss. Die untere Etage ist bislang komplett unrenoviert und auch das Außengelände liegt noch brach. Reste einer früheren Färberwerkstatt, bei Ausschachtungsarbeiten zur neuen Fundamentsetzung der Bodenfelder Synagoge zufällig entdeckt, liegen statt der vorgesehen Glasscheibe zu ihrer zukünftigen Besichtigung noch unter Holz verdeckt.
Ansonsten aber hat die Gemeinde allen Grund zur Freude und will ihr auch Ausdruck verleihen. Ein Zug vom Standort der ehemaligen Göttinger Synagoge zum neuen Gebetshaus ist geplant. Und selbstverständlich wird ein besonderer Gebetsakt stattfinden, um die Wiederbelebung der einzigen Synagoge in Süd-Niedersachsen zu feiern, die nicht von den Nazis zerstört worden ist.