8. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2008 - 26. Elul 5768

Approbationsentzug 1938

Vor 70 Jahren wurde den jüdischen Ärzten in Deutschland die Zulassung entzogen / Ausstellung in München beleuchtet düsteres Kapitel

Von Ulf Meyer

„Die gesamte Gesundheitspflege von Juden gereinigt" – das titelte 1939 eine Zeitung in Berlin. Diese perfide Aussage ist das Resultat einer systematischen Verdrängung von deutsch-jüdischen Akademikern aus allen freien Berufen. Am 30. September 2008 jährt sich zum 70sten mal die Erinnerung an ein Gesetz aus dem Jahr 1938, das jüdischen Ärzten verboten hat, ihren Beruf weiter auszuüben. Um an dieses dunkle Kapitel der deutschen Medizingeschichte zu erinnern, wird derzeit in München eine Ausstellung gezeigt, die anhand von sehr persönlichen Dokumenten und Lebenswegen auf das Schicksal jüdischer Ärzte in München in den 30er Jahren aufmerksam macht. Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Nazis, 1938, wurde die „Vierte Verordnung zum Reichsbürgergesetz" erlassen, in der der Approbationsentzug aller jüdischen Ärzte und damit das Ende deren beruflicher Existenz festgeschrieben worden war.

Die Münchner Ausstellung „Approbationsentzug 1938" stützt sich auf die von Renate Jäckle vor genau zwanzig Jahren vorgelegte Dokumentation „Schicksale jüdischer und ‚staatsfeindlicher' Ärzte nach 1933 in München". Die von Tobias Wittenborn gestaltete Schau steht unter der Schirmherrschaft von Zentralrats-Präsidentin und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch.

Die Delegiertenversammlung des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbandes München (ÄKBV) hatte die Ausstellung initiiert, weil „die Ärzteschaft die Verpflichtung hat, sich auch den düstersten Kapiteln ihrer Vergangenheit zu stellen“, wie es Christoph Emminger, Vorsitzende des ÄKBV, formuliert. Inhaltlich konzipiert und realisiert wurde sie ehrenamtlich von Ursula Ebell und Dr. Hansjörg Ebell. Auch die Kassenzahnärztliche Vereinigung Bayerns, der Zahnärztliche Bezirksverband München sowie die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns unterstützen die Ausstellung, die Einzelschicksale in den Mittelpunkt stellt und so Nazi-Geschichte auch für jüngere Menschen greifbar macht. Den Münchner Ärzten ist die Ausstellung wichtig, weil „das, was unter dem Deckmantel des Erhalts der so genannten ‚Volksgesundheit’ geschehen ist, schrecklich war und es ist ein unauslöschbarer Makel der deutschen Ärzteschaft, die sich dem Druck der Nationalsozialisten gebeugt hat. So etwas darf sich nie wiederholen“, so Emminger.

Schon 1933 war deutsch-jüdischen Ärzten die Fortführung der kassenärztlichen Versorgung ihrer Patienten untersagt worden. Viele Ärzte waren von ihren Funktionen und Aufgaben in Universitätskliniken und Krankenhäusern entlassen worden, obwohl sie häufig Jahrzehnte lang Leitungsfunktionen inne gehabt und unbestritten über eine sehr hohe klinische Kompetenz und ein sehr hohes wissenschaftliches Ansehen verfügten hatten. 1939 wurde die Verordnung auch auf jüdische Zahnärzte, Tierärzte sowie Apotheker ausgeweitet. 1933 gab es im Reichsgebiet etwa 9000 jüdische Ärzte. Für die zum Zeitpunkt des De-facto-Berufsverbots in Deutschland verbliebenen 3152 Mediziner bedeutete das „Erlöschen" ihrer Approbation die Vernichtung ihrer beruflichen Existenz. 709 jüdische Mediziner - 14 in München - durften als „Krankenbehandler" noch ihre eigenen Familien und andere Juden behandeln. Bis 1938 hatten viele jüdische Ärzte in Deutschland bereits den Suizid oder das Exil gewählt.

Wie Lebensgeschichten zerstört wurden, dokumentiert die Ausstellung eindrücklich. Im Gedenken werden einzelne Schicksale exemplarisch porträtiert: Offiziellen Dokumenten zur Diffamierung, Ausgrenzung und Existenzvernichtung werden dabei persönliche Zeugnisse gegenübergestellt.

In ausgestellten Briefen und Erinnerungen kommen die Betroffenen selbst zu Wort: Julius Spanier etwa, der das KZ Theresienstadt überlebte, nach 1945 Leiter des ÄKBV München war und bis 1955 Chefarzt eines Säuglingskrankenheims. Oder Erich Benjamin, Leiter eines Kindersanatoriums und Pionier der Kinderpsychiatrie, der 1943 in der Emigration in den USA starb. Auch Magdalena Schwarz, die nach Entzug ihrer Approbation noch als „jüdische Krankenbehandlerin" tätig war und überlebte, weil sie vor der letzten Deportation 1945 im Schwabinger Krankenhaus versteckt wurde. Sie praktizierte bis 1971 in München.

Bis bis 16. Oktober 2008 ist die Schau im Kulturzentrum Gasteig, Rosenheimerstraße 5 in München zu sehen. Informationen unter: www.jahrestag-approbationsentzug.de