Grußwort Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Hommelhoff

Herr Bundesinnenminister,

Herr Landeswissenschaftsminister, lieber Herr Frankenberg,

Herr Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, verehrter Herr Spiegel, Herr Vizepräsident, verehrter, lieber Herr Dr. Korn,

Magnifizenz Grätz, Herr Prorektor Oeming, Herr Landesrabbiner,

Frau Oberbürgermeisterin, verehrte und liebe Frau Weber,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn ich Sie alle heute zum 25. Gründungsjubiläum der von ihrem ersten Gründungsrektor Professor Leon A. Feldmann so benannten Hochschule für Jüdische Studien in der Alten Aula der Ruprecht-Karls-Universität herzlich willkommen heiße, dann tue ich dies im Wissen der Tatsache, dass die Gründung dieser Universität im Jahre 1386 ihr Verhältnis zum Judentum schwer belastet hatte. Denn Ruprecht der Erste, dessen Namen die Ruperto Carola trägt, hatte jüdische Bürger Heidelbergs und ihre Gemeinde enteignet, um Raum für die neue Universität zu schaffen; im ehemaligen Betsaal der jüdischen Gemeinde fanden die ersten Vorlesungen statt. Und auch später hatten es jüdische Gelehrte schwer, in der Universität als gleichberechtigte Professoren zu Amt und Würden zu gelangen.

Erst mit der Emanzipation der jüdischen Mitbürger im 19. Jahrhundert setzte auch und insbesondere in der Universität Heidelberg ein radikaler Umschwung ein. In ihrer damals ausgeprägten Liberalität zog sie jüdische Gelehrte und Studenten aus ganz Europa wie kaum eine zweite Universität in Deutschland an. In dem für mich persönlich bewegendsten und zugleich wohl schönsten Vortrag, der hier an diesem Pult gehalten wurde, hat Fania Oz-Salzberger mit „The Hopes of Heidelberg“ ihrem Großonkel Joseph Klausner, in diesem Saal 1904 immatrikuliert, und seiner Universität gehuldigt; sie hat aber ihren Zuhörern zugleich eindringlich still den unermesslichen Verlust der Deutschen verdeutlicht, mit ihren Mitbürgern jüdischen Glaubens nicht mehr am gemeinsamen Tisch zu sitzen. Julius Carlebach seligen Angedenkens, der unvergessliche Rektor der Hochschule für Jüdische Studien von 1989 bis 1997, hat es so formuliert: „Ich bin ein Produkt des alten deutschen Judentums, das zerstört wurde und das es nie mehr geben wird“ – jene einzigartige Mischung aus Glaubensstrenge und Weltoffenheit. Durch die Rassegesetzgebung der Nationalsozialisten verlor die Ruprecht-Karls-Universität ein Viertel ihres Lehrkörpers durch systematische Vertreibung und vereinzelt auch durch Mord und Freitod. Diese Zäsur wirkt bis heute nach, denn über den unermesslichen menschlichen Verlust hinaus bedeutet dies einen vielleicht noch immer nicht vollständig überwundenen wissenschaftlichen Rückschlag; die liberale und weltoffene Ausstrahlung dieser Universität wurde für Jahrzehnte beschädigt.

Vor diesem düsteren Hintergrund war die Idee des Oberrats der Israeliten Badens unter dem späteren Ehrensenator Werner Nachmann, in Heidelberg in Verbindung mit der Universität eine Stätte für die Ausbildung der Rabbiner und jüdischen Religionslehrer zu schaffen, eine gnädige Fügung, die allerdings erst sieben Jahre später mit der Gründung der Hochschule für Jüdische Studien 1979 umgesetzt wurde und Gestalt annahm. Dies köstliche Geschenk in der unmittelbaren Nachbarschaft der Altstadt hat die Ruperto Carola von Anbeginn zu schätzen gewusst und nach allen Kräften in stetem Respekt vor der Selbstständigkeit der Hochschule immer und andauernd vielfältig zu fördern versucht. Magnifizenz Freiherr zu Putlitz sprang sogar für kurze Zeit als Interims-Rektor der Hochschule ein.

Heute bestehen mannigfache Beziehungen und Kooperationen zwischen der Hochschule für Jüdische Studien und der Universität Heidelberg in Forschung und Lehre, aber ebenfalls in der Administration. Die umfangreiche und intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit findet ihren Niederschlag auch in den Forschungsstrukturen der Universität: zum Beispiel in der alttestamentlichen Sozietät der Theologischen Fakultät oder im Graduiertenkolleg „Religion und Normativität“. Denn aus den gemeinsamen Lehrveranstaltungen der beiden Hochschulen, ihren Symposien und Gastvorlesungen sind längst schon gemeinsam betreute Magisterarbeiten und Dissertationen erwachsen. Auf dem Weg zur gegenseitigen Anerkennung von Lehrveranstaltungen sind beide Hochschulen ein entscheidendes Stück vorangekommen, so dass es schließlich nicht mehr verwundert, dass beide Hochschulen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft den Antrag auf ein interuniversitäres internationales Graduiertenkolleg zusammen mit der Universität Tel Aviv eingereicht haben. Vor diesem Hintergrund vielfältig gelebter Zusammenarbeit sollte die Ruprecht-Karls-Universität ihre Kooperationsfähigkeit gegenüber der HJS recht bald mit der Einrichtung eines Lehrstuhls für Judaistik unterlegen.

Was kann der Rektor der Ruperto Carola ihrer Schwester, der Hochschule für Jüdische Studien, heute zu ihrem Gründungsjubiläum, aber auch seiner eigenen Universität wünschen? Die Hochschule möge sehr bald die Besetzung all` ihrer Lehrstühle ebenso erfolgreich wie die Suche nach einem neuen Rektor abschließen, damit sie sich engagiert jenen Aufgaben widmen kann, wie sie Paul Spiegel für den Zentralrat der Juden in Deutschland, für den Träger der Hochschule so einprägsam formuliert hat:
Rabbiner, Kultuspersonal und andere Mitarbeiter für die jüdischen Gemeinden in Deutschland auszubilden und
jüdischen Wissenschaftlern einen Platz zum Forschen und Lehren in Deutschland zu geben.

Als Sprecher aller deutschen Universitäten hofft der Rektor der Ruperto Carola für die Hochschule für Jüdische Studien inständig, sie noch während seiner Vizepräsidentenschaft in der Hochschulrektorenkonferenz begrüßen zu können; dies wäre der krönende Abschluss ihrer auch vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg bis in diese Tage hinein dankenswert hilfreich beförderten „Normalisierung“. Damit wäre der Traum Abraham Geigers, die Wissenschaft des Judentums an einer deutschen Universität zu etablieren, nach 140 Jahren in der HJS endgültig und weithin wahrnehmbar Wirklichkeit geworden: eine verheißungsvolle Perspektive für das kurze Reststück des Weges zu einer der zentralen Ausbildungs- und Forschungsstätten des Judentums in Mitteleuropa, ja vielleicht sogar in ganz Europa. Auf diesem Weg wird die Universität Heidelberg ihrer Schwester, der Hochschule für Jüdische Studien auch weiterhin von Herzen gern zur Seite stehen.