8. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2008 - 26. Elul 5768

Jüdische Grundschule eröffnet

Einweihung in der Hospitalstraße ist ein Zeichen der Hoffnung – Platz für 60 Kinder „aller Konfessionen"

Mit einem Festakt und viel Prominenz ist Anfang September an der Hospitalstraße in Stuttgart die erste jüdische Grundschule seit 1949 eröffnet worden. „Das ist ein Meilenstein für die Entwicklung des jüdischen Lebens in Baden-Württemberg", sagte der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Martin Widerker, bei der Einweihung, „die Einrichtung soll die Grundlage für eine neue Blüte jüdischen Lebens im Land bilden."

Es war ein lange gehegter Wunsch der Israelitischen Religionsgemeinschaft, neben Kindergarten und Hort eine eigene Grundschule zu betreiben. Durch die Unterstützung des Landes ist der Wunsch nun Wirklichkeit geworden.

Das Land stellte für Umbaukosten der Räume sowie als Anschubfinanzierung 485.000 Euro bereit. Ministerpräsident Günther Oettinger nannte den Start der Schule "ein Zeichen des Vertrauens in das jüdische Leben". Dadurch werde das Miteinander der Religionen gestärkt. Auch für die Gründung einer weiterführenden jüdischen Schule zeigte sich Oettinger offen.

Widerker erinnerte an die jüdischen Schulen, die es an vielen Orten des Landes und auch in der Region Stuttgart gegeben habe, bevor die Nationalsozialisten ihren Vernichtungsfeldzug gegen das Judentum begannen. Zuletzt hatte es nach dem Krieg bis 1949 eine jüdische Schule in einem Auffanglager im Stuttgarter Westen gegeben. Danach sei die Zahl der Gemeindemitglieder zu gering gewesen, um eine neue Schulgründung zu wagen. „In der Nachkriegszeit war es völlig undenkbar, an das jüdische Leben der Vorkriegszeit anzuknüpfen", sagte Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch bei der Eröffnung. Durch die Zuwanderer von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist inzwischen eine völlig neue Situation entstanden – jüdische Leben blüht wieder und „jedes Kind der Schule, ist eine Brücke zwischen Deutschen und Juden", so die Präsidentin.

Die private Ganztagsschule bietet Platz für 60 Kinder. Zunächst sollen 25 Kinder in zwei Klassen unterrichtet werden. Die Klassen in Stuttgart sollen nicht mehr als 15 Schüler haben. Das pädagogische Konzept der neuen Schule sieht zusätzlichen Sprachunterricht sowie eine individuelle Lernförderung vor. Ein Schwerpunkt liegt natürlich bei der Vermittlung der jüdischen Kultur, Religion und hebräischen Sprache. Der Landesrabbiner Netanel Wurmser ist auch der Schulleiter. „Ohne eine Schule hat das jüdische Leben keine Zukunft", sagte er.

Die Schule n unserer Gemeinden stehen grundsätzlich allen Schülern offen, so Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Natürlich gehe es beim Label "jüdisch" vorwiegend darum, jüdische Religion und hebräisch-jüdische Kultur zu vermitteln. "Wir wollen keine Ghettoisierung, sondern wir wollen Schulen haben, die für alle Konfessionen offen sind, auch für die, die nicht konfessionell gebunden sind, so dass auch nicht-jüdische Kinder selbstverständlich Zugang zu dieser Schule haben", erklärte Kramer. Und fügte hinzu: "Wir freuen uns über jeden nicht-jüdischen Schüler oder Schülerin, denn welchen besseren Botschafter kann es nachher für ein gemeinsames Miteinander geben."
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