8. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2008 - 26. Elul 5768

Beit Tikwa - Haus der Hoffnung

Neue Synagoge in Bielefeld eröffnet - Aus einer evangelischen Kirche wurde ein jüdisches Gotteshaus

Von Gaby Hommel

Die Einweihung der Synagoge in Bielefeld am 21. September hat Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) als ein «Zeichen der Zuversicht und Hoffnung» bezeichnet. Das, was die Nazis wollten, sei gescheitert, sagte er, «Jüdisches Leben ist da. Das macht mich glücklich.»

Für Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch, die leider nicht an der Einweihung teilnehmen konnte und deren Grußwort in der Feierstunde verlesen wurde, hat «die Zeit des Auflebens jüdischen Lebens in Bielefeld» begonnen. Der jüdischen Gemeinde sei mit der Synagoge ein Ort des Glaubens und der Begegnung gegeben worden, der einen unschätzbaren Wert habe. Deutschland erlebe «eine Renaissance jüdischer Gemeinde».

Auf rund 2,5 Millionen Euro beziffert die Kultusgemeinde Bielefeld die Kosten für den Umbau ihres neuen Zentrums. 600.000 Euro brachte sie mit Unterstützung des Jüdischen Landesverband Westfalen-Lippe aus eigenen Mitteln auf. Das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bielefeld stellten die übrige Summe zur Verfügung. Der Umbau der früheren Paul-Gerhardt-Kirche, die nach einem Gemeindezusammenschluss in der Evangelischen Kirche in Westfalen zum Verkauf stand, erfolgte nach Plänen des Architekten Klaus Beck innerhalb nur eines Jahres. Die bauliche Grundstruktur des Gebäudes blieb dabei erhalten. Fassade und Innenräume erinnern allerdings kaum noch an seine ursprüngliche Bestimmung.

Das neue Zentrum ist nicht nur Synagoge und Versammlungsort, Gemeindeverwaltung und Jugendabteilung für die heute 300 Mitglieder zählende liberale Gemeinde Bielefeld, die bereits 1705 erstmals urkundlich erwähnt worden ist. Die zentral gelegenen Räumlichkeiten sollen darüber hinaus ein neues Zeichen jüdischer Kultur in der Stadt setzen. "Sie sind Bestandteil unseres Lebens und der Öffnung der Gemeinde", beschreibt der Gemeindevorsitzende Paul Yuval Adam ihre Bedeutung. „Jetzt wollen und sollen wir uns wieder zeigen", ergänzt die Gemeindevorsitzende Irith Michelsohn. Die beiden amtierenden Vorstandsmitglieder der Bielefelder Gemeinde trugen maßgeblich zur Entstehung der neuen Synagoge bei - nicht jedoch ohne Kritik aus den eigenen Reihen. Höhepunkt der Auseinandersetzungen waren Neuwahlen im Februar, bei der ein neuer Vorstand gewählt wurde. Derzeit läuft ein Verfahren beim Schiedsgericht in Frankfurt, bei dem der alte Vorstand die Gemeindewahl anficht. Vor allem aber gab es Widerstand von einer Bürgerinitiative, die mehr als drei Monate lang die Paul-Gerhardt-Kirche besetzt hielt. Nach eigenen Angaben nicht aus antisemitischen Gründen, sondern um grundsätzlich gegen den Verkauf zu protestieren.

„Beit Tikwa", Haus der Hoffnung, nennt die Bielefeld Gemeinde ihr neues Zentrum und ist nicht die einzige, die sich in diesen Tagen freuen kann. Erst vor einer Woche wurde die neue Synagoge in Krefeld (siehe Artikel auf Seite 4) eröffnet. Vergangenen Dezember weihte die Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ihr neues Haus ein. Kurz zuvor hatte die Nachbargemeinde Gelsenkirchen den Neubau eines Versammlungs- und Gebetraums gefeiert. Insgesamt stehen 70 Jahre nach der Pogromnacht wieder 20 Synagogen in Nordrhein-Westfalen. Sie seien Ausdruck davon, „dass jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich ist und sich etabliert hat», sagt Esra Kohn, der Vorsitzende des Jüdischen Landesverbandes Nordrhein.