8. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2008 - 26. Elul 5768

Unser Schicksal liegt in G-ttes Hand

Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart über Rosch Haschana und Jom Kippur 5769

Der Versöhnungstag, Jom Kippur, zählt gemeinsam mit dem Neujahrstag, Rosch Haschana zu den Jamim Noraim, den „Tagen der Ehrfurcht". Franz Rosenzweig, der bedeutende jüdische Philosoph des 20. Jahrhunderts machte uns mit einigen Besonderheiten dieser Tage in seinem Werk „Stern der Erlösung" bekannt. Er weist darauf hin, dass nur an diesen Festtagen zu beobachten ist, dass der Jude in seiner Synagoge niederkniet. Er vollbringt damit gerade das, was Juden jedem Weltenherrscher in der Geschichte - vom Perserkönig bis zu den römischen Imperatoren - verweigert haben. Er vollbringt mit dem Knien in der Synagoge etwas, was keine irdische Macht von ihm erwarten kann und womit er selbst seinem G-tt an allen anderen Tagen des jüdischen Jahres nicht dient.

Man kniet in den Synagogen am Jom Kippur nicht während der üblichen Litanei des „Widduj", des Sündenbekenntnisses, auch nicht beim Erflehen der g-ttlichen Vergebung - obwohl dies der wesentliche Inhalt dieses Tages ist -, vielmehr knien wir an der Stelle der Festtagsliturgie nieder, von der wir meinen, in die unmittelbare Allgegenwart G-ttes schauen zu dürfen. Das ist der Augenblick dieses Tages, an dem wir hoffen, dass er uns aus unserer irdischen Hinfälligkeit und Fehlbarkeit emporheben könnte.

Um Sündenvergebung beten wir nicht an Schabbattagen, an jenen erhabensten und häufigsten Festen des Jahres. Denn mit dem Schabbat paaren sich die Freude und das Gedenken an die Schöpfung, wie auch der schöpferischen Unterbrechung der Werktage. Jom Kippur hingegen wird „Schabbat Schabbaton", d.h. „höchster Schabbattag" genannt. Durch das Gedenken an jene Zeremonien im einstigen Jerusalemer Tempel empfindet der Beter an diesem Tag die Allgegenwart G-ttes.

In der Gemeinschaft lebt am Jom Kippur der ursprünglich priesterliche G-ttesdienst wieder auf. Insbesondere der Augenblick, an dem der „Kohen Gadol", der Hohepriester, das einzige Mal im Jahr den Namen G-ttes im Tempel in Jerusalem ausgesprochen hat. Sonst durfte der Name G-ttes nur in Attributen erwähnt werden und die Beter mussten sich dabei auf die Knie werfen. Der klassische G-ttesdienst dieses Tages vergegenwärtigt und nährt unsere Hoffnung, dass sich am Ende der Zeit alle Menschen allein G-tt unterwerfen mögen und jegliche Formen der menschenverachtenden Götzendienste, die Anbetung von trügerischen Verführern, schwinden werden.

Wir beten für diese Hoffnung und Zukunftserwartung - ohne dabei andere zu Bekehren -, damit ein Bündnis mit unserem Schöpfer die Menschen vereine und sie Seinen Willen erfüllen. Dies sagen die Gebete des langen Tages aus, und daher knien einmal im Jahr die Betenden in der Synagoge nieder.

Im ashkenasischen deutschen Ritus sind an diesem langen Fasttag die Selichot, die Bußgebete, ein fester Bestandteil des G-ttesdienstes. Sie entstanden aus dem gefühlten Bedürfnis, Reue und Umkehr der bußfertigen Seele näher zu bringen. Die Pijutim, die in dichterischer Form abgefassten Gebete, beinhalten das Flehen um Vergebung der Verfehlungen. Die Fastenliturgie wird noch durch Psalmen und Litaneien ergänzt.

Vielleicht sind es die Erhabenheit und Transzendenz des Jom Kippur Tages, die uns die ewige Erlösung näher rücken und sie gegenwärtiger erscheinen lassen. Auch daher nennen wir diese Tage, Rosch Haschana und Jom Kippur, außerdem die Jom Hadin: Sie sind der Zeitpunkt des Urteils unseres G-ttes über uns. Somit steht das endzeitliche Urteil, das jüngste Gericht, nun gegenwärtig vor uns. Und dieses Urteil oder dieser Prozess, um mit Franz Kafka zu sprechen, wird über jeden Einzelnen gefällt. Das Schicksal des Individuums wird entsprechend seiner individuellen Handlungen bemessen - am Ende des alten, zu Beginn des neuen Jahres!