8. Jahrgang Nr. 9 / 26. September 2008 - 26. Elul 5768

Wir hoffen auf Wunder!

Grußwort von Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch zu Rosch-Haschana 5769

Zukunft 8. Jahrgang Nr. 9
Zukunft 8. Jahrgang Nr. 9

Rosch-Haschana ist ein Tag der Freude und der Ernsthaftigkeit gleichermaßen. Wir gehen in uns, reflektieren über das vergangene Jahr und blicken zugleich nach vorne auf das nächste Jahr. Rosch Haschana liegt diesmal genau zwischen zwei Jahrestagen, die einen Wendepunkt für das jüdische Volk dargestellt haben: Wir gedenken des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht und feiern den 60. Geburtstag des Staates Israel.

Am 14. Mai 1948 rief David Ben Gurion den Staat Israel aus. Der Gründervater prägte den Pioniergeist des Staates und seiner Einwohner mit dem Spruch „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist". Seit der Staatsgründung hat es Israel verstanden, Einwanderungswellen von Menschen aus über 120 Ländern zu meistern und den Neueinwanderern in einem demokratischen Staat ein Zuhause zu geben.

Als geistige Heimat des jüdischen Volkes erfüllt Israel einen existenzsichernden Zweck. Denn nur weil Israel ein Staat ist, der im Notfall Zuflucht und Sicherheit bietet, kann es weltweit jüdisches Leben in Freiheit und Würde geben. Die Sehnsucht nach Frieden im Nahen Osten ist jedoch bis heute ein unerfüllter Wunsch, der das jüdische Volk in Israel und in der Diaspora verbindet. Der Glaube an Wunder, der einst von David Ben Gurion ausging, sollte uns nicht verloren gehen. Wir hoffen auf Wunder!

Auch in Deutschland blicken wir mit Zuversicht in die Zukunft, 70 Jahre nach der Reichspogromnacht. Wir erleben eine Renaissance jüdischen Lebens in unserem Land, das geprägt ist von der Entstehung neuer Synagogen, Kindergärten und Schulen. Die jüdische Gemeinschaft ist durch das Engagement jüdischer und nichtjüdischer Bürger wieder mitten in der Gesellschaft angekommen.

Die Zuwanderung von Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat in den vergangenen Jahren zum Anwachsen der jüdischen Gemeinden beigetragen. Die Einbindung der neuen Mitglieder in alteingesessene Gemeinden war und ist Herausforderung und Chance zugleich. Sie bereichern die Gemeinden durch das kulturelle Erbe ihrer Herkunftsländer und verleihen ihnen zugleich durch steigende Mitgliederzahlen ein größeres Gewicht in der Gesellschaft. Die notwendigen Anstrengungen haben sich für beide Seiten gleichermaßen gelohnt. Sie haben zu einer Verbundenheit innerhalb der jüdischen Gemeinden geführt - unabhängig von Sprache und Kultur. Langsam entsteht ein Wir-Gefühl trotz aller Unterschiede.

Von unschätzbarem Wert ist, dass sich die Gemeinden zu Orten des Glaubens, der Begegnung und des Miteinanders entfalten. Die Zeit des Wartens auf ein angemessenes Zuhause ist in Deutschland vorbei. Ein neues Kapitel des Aufbruchs für das Judentum hat begonnen. Jüdisches Leben kehrt aus dem Verborgenen der Hinterhöfe zurück in die Mitte der Gesellschaft. Kaum jemand hätte dies vor 70 Jahren für möglich gehalten. Wir können stolz und dankbar sein auf das, was wir durch unermüdlichen Einsatz und die Unterstützung jüdischer und nichtjüdischer Freunde erlangt haben.

Trotz aller Euphorie, die berechtigt und begründet ist, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es immer noch Feinde des Judentums gibt. Die Zahlen sprechen für sich. Der Antisemitismus ist nicht nur in der rechten Szene zu suchen, sondern leider auch in der Mitte der Gesellschaft. Neonazis und Rechtsradikale übertreffen sich in der Verbreitung von Hasstiraden und Klischees über Juden – auch und vor allem im Internet.

Glatzköpfe mit Bomberjacken tragen heute Anzug und Krawatte, um ein anderes Publikum einzubeziehen. Funktionären der NPD wird inzwischen auch vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Forum geboten. Die Sorge ist berechtigt, dass eine vermeintliche „Normalität" eintritt und die Legitimität dieser rechtsradikalen Verfassungsfeinde nicht mehr hinterfragt wird. Ein neues Verbotsverfahren wurde unlängst von SPD-Fraktionschef Peter Struck angeregt. Zur Erinnerung: Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts hatte bereits 2005 darauf verwiesen, dass das Verbotsverfahren allein aus formaljuristischen Gründen gescheitert ist. Er hatte damals ausdrücklich einen erneuten Versuch erbeten.

Ob verbal oder in Übergriffen, der latente Antisemitismus äußert sich auch an deutschen Schulen. Oft müssen jüdische Schüler an eine andere Schule wechseln, um Hass, Beleidigungen und Gewalt zu entfliehen. Wir dürfen aber auch nicht verschweigen, dass es gegenteilige Beispiele gibt. Jüdische Schüler berichten durchaus auch von sehr positiven Erfahrungen in den Klassengemeinschaften und einem regen Interesse nichtjüdischer Mitschüler am Judentum.

Die Jugendarbeit dürfen wir nicht den Rechtsextremisten überlassen. Denn die Jugend ist unsere Zukunft, in die wir nachhaltig investieren müssen. Die Jugend wird die Zukunft unseres Landes prägen und letztlich entscheiden, ob wir hoffnungsvoll nach vorne blicken können. Möge das Jahr 5769 ein Jahr der Jugend und des weiteren Wachsens der jüdischen Gemeinden sein. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr und dem Staat Israel Frieden.

Schana Towa!