8. Jahrgang Nr. 8 / 29. August 2008 - 28. Av 5768

Der „letzte deutsche Tycoon“

Ein Leben für den Film: Der Berliner Filmproduzent Atze Brauner feierte am 1. August seinen 90. Geburtstag

Von Ulf Meyer

„Ich habe die Zeit genutzt, um die Toten in Erinnerung zu bringen, und es gibt mir die Kraft, weiter zu leben ohne schlechtes Gewissen." Dieses Zitat stammt von Artur Brauner, der vor genau 90 Jahren – am 1. August 1918 - im polnischen Łódź als Abraham Brauner geboren wurde. Wie kein zweiter deutscher Filmproduzent hat Brauner jahrzehntelang den bundesdeutschen Filmgeschmack nicht nur geprägt und mitbestimmt, sondern er hat sich auch in seinen Filmen immer wieder mit dem Holocaust, der sein Leben so dramatisch geprägt hatte, beschäftigt. Brauner, der seinen ursprünglichen Vornamen Abraham schon zu Schulzeiten abgelegt hatte, konnte nur durch die Flucht seiner Familie in die Sowjetunion überleben. So überrascht es auch nicht, dass sich 20 der über 200 Filme, die Brauner in den vergangenen sechs Jahrzehnten produziert hat, mit dem NS-Regime auseinander setzen.

In der Sowjetunion überlebte Familie Brauner von den Nazis unerkannt, seine Eltern wanderten später nach Israel aus. Aber Artur, wie er sich nun nannte, gründete schon 1946 im noch kriegszerstörten Berlin die „Central Cinema Compagnie" (CCC-Film). Nur drei Jahre später eröffnete er seine Studios auf einem ehemaligen Fabrikgelände in Spandau-Haselhorst. In den folgenden Jahren sollten dort über 500 Filme entstehen. Sein erster Film, das Kriegsdrama „Morituri" (1948), den Brauner noch mit Unterstützung der sowjetischen Militärbehörden produziert hatte, wurde jedoch ein Misserfolg, weil – so erinnert sich Brauner - alte Nazis die Kinovorführungen störten und so den Film aus den Kinos trieben.
"Morituri" war der erste deutsche Spielfilm, der vom Konzentrationslager handelte. Fortan setzt Brauner auf Unterhaltungsfilme. Große Erfolge konnte er in den 50er und 60er Jahren mit „Dr. Mabuse" und Filmen nach Motiven von Karl May verzeichnen. In den CCC-Studios drehten Filmstars wie Romy Schneider oder Michel Piccoli, O. W. Fischer, Maria Schell oder Gert Fröbe.
Erst in den 70er Jahren trübte sich die Lage für Brauners Film-Imperium. Sein Konkurrent und früherer Mitarbeiter Horst Wendlandt schnappte Brauner die Verfilmungsrechte für die Karl-May-Western-Stoffe und Edgar-Wallace-Krimis weg. Brauner selbst musste sich mit Filmen nach Stoffen von Bryan Edgar Wallace, dem Sohn von Edgar, und den Karl May-Orientstoffen zufrieden geben.
Als mit dem Aufkommen des "Neuen deutschen Films" in den 70er-Jahren eine neue Ära auf der Leinwand begonnen hatte, konzentrierte sich Brauner auf die Produktion von Filmen, die sich mit dem NS-Regime auseinander setzten. In den Mittelpunkt rückte er immer wieder Menschen, die - wie er selbst - als Juden von den Nazis verfolgt worden waren. Als sein persönlichster Film gilt folglich „Hitlerjunge Salomon" von 1990. Der Film erzählt das Leben des Juden Sally Perel, der als Mitglied der Hitlerjugend die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland überlebt hatte. Als Vorlage diente die Autobiographie Perels, die 1993 erstmalig in deutscher Sprache unter dem Titel „Ich war Hitlerjunge Salomon" erschienen ist. Der Film erhielt in den USA als bester ausländischer Streifen 1992 den Golden Globe und wurde - sehr zur Empörung Brauners - von deutscher Seite nicht für die Oscar-Nominierung vorgeschlagen.
Für die Filmbranche ist Brauner der „letzte deutsche Tycoon" – schließlich arbeitet der leidenschaftliche Produzent unermüdlich an immer neuen Projekten. Brauner ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Berlin und Träger des Bundesverdienstkreuzes, Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern und lebt mit seiner Frau Maria in der deutschen Hauptstadt. Berliner zu werden, war für ihn „keine Sache des Geburtsscheins, sondern der Mentalität. Als die Berliner aus meinem Vornamen ,Artur' den Spitznamen ,Atze' machten, wusste ich, dass das ein Ritterschlag war." Seine Autobiografie nannte Brauner treffend „Mich gibt's nur einmal".