8. Jahrgang Nr. 8 / 29. August 2008 - 28. Av 5768

Würde und Geborgenheit

Ein neues Pflege- und Baukonzept des Altersheims der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt macht es möglich

Von Irina Leytus

Vor wenigen Wochen, am 21. Juli, fand die offizielle Wiedereröffnung des jüdischen Altenzentrums in Frankfurt am Main statt. Im Mittelpunkt der vierjährigen Umbauarbeiten, die zentral von Christian Georg Mohr geleitet wurden, stand ein völlig neues Betreuungskonzept: Entwickelt und umgesetzt wurde die sogenannte Kleingruppenbetreuung. Der Geschäftsführer des Altenpflegeheims, Leo Friedman, erklärt zu der neuen Struktur seiner Einrichtung: „Die Besonderheit unseres Altersheimes ist ,Vielfalt’ der Patienten. Wir unterscheiden grob drei Pflegeprofile: Demenz, Schoah-Überlebende und transkulturelle Betreuung. Unsere Patienten stammen aus 19 Ländern! Dabei kommt es oft vor, dass die Profile sich überlappen. Und um die Lebens- und Betreuungsqualitäten für jeden unserer 102 Bewohner zu gewährleisten, bilden wir kleine homogene Gruppen. Insgesamt haben wir Platz für 14 Gruppen mit jeweils einem eigenen, großzügigen Aufenthaltsraum.“
Dieser Aufenthaltsraum ist das Zentrum beziehungsweise das „Wohnzimmer“ jeder Gruppe. Darüber hinaus hat natürlich jeder Bewohner ein eigenes Schlafzimmer. Nur so kann das Betreuungsziel von Friedman und seinem Team, für die Bewohner eine familiäre Atmosphäre herzustellen, realisiert werden. Das Arbeits-Motto „Wir sind kein Hotel!“ hat sich aus der besonderen Tradition der Frankfurter Einrichtung entwickelt: Die Bewohner werden – soweit es geht – von jeher in ihrer noch vorhandenen Selbstständigkeit unterstützt. Das heißt etwa, dass grundsätzlich fertig „nur“ das Mittagessen serviert wird, morgens und abends können sich die Patienten – soweit noch dazu fähig – selbst an den Vorbereitungen für die Mahlzeiten beteiligen und so ihre eigenen Wünsche mit einbringen – mit den vom Alternsheim eingekauften koscheren Lebensmitteln. Die Bewohner der Einrichtung, die von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt getragen wird, werden von 75 Pflege- und Betreuungsmitarbeitern versorgt. Zwei Alltagsmanager helfen den älteren Menschen, ihre Leben sinnvoll zu gestalten und strukturieren. Das Haus hat eigenen großen gepflegten Park.
Es überrascht nicht, dass das Altenzentrums der jüdischen Gemeinde Frankfurt fast zu hundert Prozent ausgelastet ist. Auf die Frage, ob ein Bewerber um einen Platz Mitglied der jüdischen Gemeinde Frankfurt sein muss, antwortet Leo Friedman mit einem klaren „Nein“. „Bei uns gilt vielmehr das Prinzip ,first come first serve’. Die Warteliste für einen Platz richtet sich grundsätzlich nach dem Anmeldedatum.“ Mit „Nein“ antwortet er auch auf die Frage, ob seine Eltern in „seinem“ Altersheim leben: „Mein Vater ist vor 13 Jahren gestorben und meine 85-jährige Mutter lebt in Heidelberg“. Dort war Friedman Vorsitzender der jüdischen Gemeinde bevor er vor elf Jahren von Salomon Korn, dem damals fürs Altersheim verantwortlicher Dezernent und heutigen Vorsitzenden der Frankfurter Gemeinde sowie Zentralratsvizepräsidenten, in die Meinmetropole gerufen wurde.
Der 54-jährige Vollblut-Chef Friedman, der bereits in Italien, Frankreich, den USA und Taiwan gearbeitet hat, versteht sich heute als Manager eines Dienstleistungsunternehmens. Er ist für alle – die Bewohner, Mitarbeiter und Betreuer – mit viel Herzblut dabei!