8. Jahrgang Nr. 7 / 25. Juli 2008 - 22. Tamus 5768

Anders Lernen

Holocaust Institut am Touro College sucht nach neuen Wegen um Erinnerung und Gedenken wach zu halten

Das Ambiente könnte kaum schöner sein: Mitten in der beschaulichen Villengegend von Berlin Charlottenburg mit Blick auf die Havel ist der Campus vom Touro College Berlin. Seit nunmehr fünf Jahren wird in der villenartigen Anlage, die von Bauhaus-Architekt Bruno Paul 1929/30 für die jüdische Familie Lindemann entworfen wurde, unter anderem über jüdisches Leben und jüdische Kultur geforscht. Außerdem stehen in Deutschlands erster jüdisch-amerikanischer Privatuniversität Betriebwirtschaft und Volkswirtschaft auf dem Lehrplan für die über 100 eingeschriebenen Studenten. Erstmalig startete im Wintersemester 2007 am Touro College Europas erster Studiengang zur Vermittlung des Holocaust am Lander Institute in Berlin. Ziel des zweijährigen Masterstudiengangs ist es, den Studenten neue Möglichkeiten und Methoden zu zeigen, wie sie in Zukunft, auch ohne Zeitzeugen, den Holocaust veranschaulichen und kommunizieren können. Das Holocaust Institut hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, für kommende Generationen neue Formen der Erinnerung zu finden und sie für die Bekämpfung von Antisemitismus, Rassismus, Hass und Unterdrückung zu sensibilisieren. Für das erste Studienjahr haben sich insgesamt sieben Studenten angemeldet – fünf Deutsche und zwei Israelis.

Zum Beispiel Christina Winkler. Die 35-jährige Slawistin und Volkswirtin koordiniert seit zwei Jahren an der Freien Universität Berlin das Programm „Journalisten International". Der Antisemitismus in Osteuropa ist für sie besonders interessant. Nachfolgenden Generationen den Holocaust auf persönliche Weise näher zu bringen, ist ihrer Ansicht nach ein Weg dem Antisemitismus vorzubeugen. „Ich hoffe, dass wir neue Wege entdecken, wie das Thema vermittelt werden kann. Von dem neuen Masterstudiengang erhoffe ich mir neue Ansätze für eine effektivere Kommunikation und für mehr Toleranz."

Das unterstreicht auch die Historikerin Lisa König-Hauff (38) und weiß, dass es bei der zukünftigen Vermittlung des Holocaust nicht mehr nur um harte Fakten gehen darf. Ein Schwerpunkt während ihres Studiums war die Zeit des Nationalsozialismus. „Man muss neue Wege beschreiten, mit denen sich die Jugendlichen auch identifizieren, wie zum Beispiel das Internet, Filme und Zeitschriften. Dabei muss auch auf den emotionalen Aspekt, hervorgehoben durch Einzelschicksale, besonderen Wert gelegt werden", sagt die Studentin.

Auch der Historiker Hendrik M. Kosche hat sich für den neuen Masterstudiengang zur Vermittlung des Holocaust immatrikuliert. Seit mehren Jahren ist der 42-jährige in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin engagiert. Er möchte sein Wissen über den Holocaust weiter ausbauen. Auch Kosche ist der Meinung, dass für die Vermittlung des Holocaust eine persönliche Ebene hergestellt werden muss.

Lothar Schnepp zählt ebenfalls zu den ersten Studenten des Masterstudiengangs. Als Religionslehrer führt er bereits seit mehreren Jahren Jugendliche durch Gedenkstätten und Ausstellungen zum Thema Holocaust. Auch der 47-jährige merkt, dass in unserer Gesellschaft, gerade in den jüngeren Generationen, ein Überdruss an Informationen über die Vernichtung europäischer Juden herrscht. Für den Masterstudiengang hat er sich eingeschrieben, um seine Kenntnisse noch weiter auszubauen. Er möchte das Gelernte, besonders aber die Vermittlung dieser „schweren" Thematik, an seine Schüler weitergeben und somit versuchen den herrschenden Überdruss zu verringern.

Das Institut unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Nachama setzt ganz auf praxisbezogenen Unterricht in kleinen Lehrgruppen und die enge Betreuung durch das Lehrpersonal. Darüberhinaus engagiert das Institut Referenten, die nicht nur theoretisch unterrichten. Selbstverständlich hat diese Lernmethode auch ihren Preis: 12 000 Euro kostet der berufsbegleitende Masterstudiengang. Das wird sich auszahlen, ist sich Student Guy Band sicher. Der 30-Jährige studierte schon in Israel Geschichte und arbeitet bereits in Bildungseinrichtungen, doch jetzt will er sein Wissen erweitern. „Ich möchte lernen, wie man ein Thema aus verschiedenen Perspektiven entwickelt und es sich aus politischer, geschichtlicher oder auch pädagogischer Sicht erarbeitet."

Weitere Informationen unter www.touroberlin.de

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