4. Jahrgang Nr. 12 / 23. Dezember 2004 - 11. Tewet 5765

Galerie der Täterinnen

Eine Ausstellung in der Gedenkstätte Ravensbrück porträtiert KZ-Aufseherinnen

Von Thomas Kunze

„Was hätten Sie denn gemacht?“ fragt in Bernhard Schlinks Bestseller „Der Vorleser“ diefrühere KZ-Aufseherin Hanna das Gericht. Diese Frage könnte als Motto über der neuen Dauerausstellung der „Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück“stehen. Erstmals wendet sich eine deutsche KZ-Gedenkstätte Tätern zu – ihren Biografien, Motiven und Taten. Die Ausstellung berichtet anhand von Dokumenten, Fotos und Exponaten über die Aufseherinnen des größten deutschen Frauenkonzentrationslagers von 1939 bis 1945.

Die Dokumentation macht es dem Besucher nicht leicht. Sie zwingt ihn, genau hinzusehen und sich selbst zu befragen. Denn sie bedient nicht das Klischee der blutrünstigen SS-Megäre, sondern stellt Frauen vor, die ihre Macht über die Häftlinge unterschiedlich nutzten. „Wir wollen zeigen, dass die im Frauen-KZ begangenen Verbrechen auf staatlichem Handeln beruhten nicht von wenigen Exzeßtätern verübt wurden“, sagt Simone Erpel, Historikerin und Leiterin des Ausstellungsteams.

In der Parklandschaft vor der früheren Kommandantur steht eine Gruppe von Häusern im Fachwerkstil. Geradezu idyllisch wohnten die KZ-Aufseherinnen – zudem mit einem für die damalige Zeit außergewöhnlichen Komfort. Nur wenige Schritte entfernt begann die Welt des Lagers mit Elend, Grauen und Tod, wo diese Frauen ihren Dienst taten. Im Konzentrationslager Ravensbrück wurden zwischen 1939 und 1945 rund 130 000 Menschen gefangen gehalten. Zehntausende starben an Hunger, Krankheiten, medizinischen Experimenten und Misshandlungen oder fielen einer der Mordaktionen der SS zum Opfer.

In sieben der Häuser ist seit 2002 die Jugendbegegnungsstätte Ravensbrückmit einer Jugendherberge untergebracht. Im achten Haus ist das Museum über die Aufseherinnen eingerichtet worden. Vor die Fassade wurde ein spitzer Winkel aus Holz gesetzt – ein Kunstgriff des Architekten, um die neue Nutzung zu verdeutlichen, der sich im Inneren der originalgetreu sanierten Räume fortsetzt. Auf einem Monitor im Foyer berichten Frauen, die im KZ inhaftiert waren, über die Erniedrigungen und die Brutalität, die sie durch die Aufseherinnen erlitten.

In den oberen Räumen wird die juristische Aufarbeitung der Verbrechen thematisiert. In den unteren Räumen sieht man, wie die Aufseherinnen angeworben und ausgebildet wurden. Es wird gezeigt, in welchen Bereichen sie zur Bewachung eingesetzt waren, wie sie lebten, wie sie ihre Freizeit verbrachten und in welcher Form sie sich an den in Ravensbrück begangenen Verbrechen beteiligten. Zwei ehemalige Aufseherinnen kommen in Filmaufzeichnungen zu Wort. Ihr Selbstverständnis wird auch anhand von Fotoalben deutlich: Es zeigt die Aufseherinnen beim Spaziergang, beim Besuch im Ort Fürstenberg, angetreten zur Visite des SS-Chefs Heinrich Himmler. Beschaulich geht es auf den Bildern zu, die Häftlinge kommen darauf kaum vor.

Auf einer Wand, die sich bis in den ersten Stock hinaufzieht, prangen Porträts der Aufseherinnen – wie es scheint ganz normale Frauen. Doch viele von ihnen haben andere Frauen drangsaliert, geschlagen, reißende Hunde auf sie gehetzt und sie in die Gaskammer getrieben. Die meisten kamen aus einfachen Verhältnissen, hatten die Volksschule besucht und waren ungelernt, berichtet Ausstellungsleiterin Erpel. „Diese Frauen waren die untere Schicht der Bewacher“, sagt die Leiterin der Gedenkstätte, Sigrid Jacobeit. „Sie kamen täglich mit den Häftlingen in Berührung, waren selbst keine SS-Angehörigen, sondern gewissermaßen Angestellte im öffentlichen Dienst. Sie führten aber durchaus nicht nur angeordnete Verbrechen aus, sondern hatten einen gewissen Spielraum.“

Es gab Aufseherinnen, die sich Häftlingen gegenüber menschlich verhielten, ihnen sogar das Leben retteten. Es gab aber auch Fälle wie der von Dorothea Binz aus dem brandenburgischen Groß Dölln. Um Karriere zu machen, stieg sie zur Leiterin des berüchtigten Zellenbaus auf und beteiligte sich aktiv an der Ermordung von Häftlingen. Nach dem Krieg wurde sie im Alter von 27 Jahren hingerichtet.

Aus Jüdische Allgemeine 39 vom 30.9.2004