4. Jahrgang Nr. 12 / 23. Dezember 2004 - 11. Tewet 5765

Wohltätigkeit – Synonym für Hilfe zur Selbsthilfe

Die Zentralwohlfahrtsstelle setzt auf die Integration der Zuwanderer – ein Portrait der Hilfsorganisation

Von Irina Leytus

Durch die großen Fenster des Speisesaals ist ein gediegener Garten mit Sonnenliegen zu sehen. Drinnen trinken die Senioren ihren nachmittags Tee und unterhalten sich über dies und jenes. “Natürlich ist der Kuchen koscher, wie alles hier!”, versichert der aus Israel stammende Koch. Wo gibt’s denn so was? Im “Eden”, dem Hotel mit diesem programmatischen Namen, das der Zentralwohlfahrtstelle (ZWST) der Juden gehört und sich im hessischen Kurort Bad Kissingen befindet. Ortswechsel. Dutzende Jugendliche strömen aus dem Lehrraum ins Freie. Sie haben gerade einen Vortrag über Israel gehört und solange sie auf eine Reise nach Israel warten müssen, können sie mit anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen in Bad Sobernheim, nicht weit von Frankfurt am Main, spielen, lernen und sich erholen. Eigentümer und Betreiber des Ferienlagers ist ebenfalls die Zentralwohlfahrtstelle der Juden. Auch Touren nach Israel und Bildungsreisen auf den Spuren jüdischer Geschichte in Europa bietet der Verband jüdischen Jugendlichen in Deutschland an.

Diese karitative Organisation des Zentralrats der Juden in Deutschland, die einen festen Bestandteil des heutigen jüdischen Lebens in Deutschland ausmacht, wurde 1917 gegründet. Damals gab es zahlreiche jüdische Hilfsorganisationen, jede einzelne jüdische Gemeinde übte Wohltätigkeit, und die Zentralwohlfahrtstelle sollte diese “lediglich” koordinieren. Nach der Schließung durch die Nazis 1939 wurde die Organisation 1951 “wiedergeboren”. Aber da sich die jüdische Realität nach dem Krieg völlig verändert hatte war der Auftrag des Verbandes nun ein anderer. Es gab nichts mehr zu “koordinieren”, vielmehr musste die Not der Überlebenden der Shoa vor Ort gelindert werden. Eines ist jedoch geblieben: das oberste Ziel, die Verpflichtung zur jüdischen Wohlfahrt - “Zedaka”.

Wenngleich nach der großen Zuwanderung von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in den neunziger Jahren neue Aufgaben dazugekommen sind, so bleibt für den Vorsitzenden des Verbandes, Benny Bloch, Zedaka als Programm: “Aus welchem Grund auch immer jüdische Menschen zu uns gekommen sind - wir müssen helfen, wo wir auch können.” Neben den Erholungsmöglichkeiten für Senioren und Jugendliche kümmert sich der Verband ebenfalls um die Integration der Zuwanderer laut dem Motto “Hilfe zur Selbsthilfe” – eine Philosophie, die in der jüdischen Tradition fest verankert ist. Von zweisprachigen Informationsmaterialien über allgemeine Integrationsseminare bis hin zu speziellen berufsspezifischen Bildungsprojekten reicht das Angebot der ZWST für die Zuwanderer. Die wachsenden Gemeinden haben Bedarf an Profis aus dem sozialen und pädagogischen Bereich – hier hat die ZWST eine wichtige Funktion als Ausbilder und Betreuer in der täglichen Arbeit nach Beendigung der Aus- und Fortbildung.

Die Realität in der Sowjetunion, die durch eine atheistische Ideologie und antisemitische Stimmung geprägt war, führte dazu, dass viele Neueinwanderer einen großen Nachholbedarf in Sachen jüdische Religion und Tradition haben. Die Ausbildung von Religionslehrern, die später vor Ort ihr Wissen an die Gemeindemitglieder weitergeben können, sowie ein vielfältiges Angebot an Seminaren und sogar die Ausrichtung von jüdischen Feiertagen in den Gemeinden – all das hilft beim Entdecken der jüdischen Identität. Und so wird sich der Kreis hoffentlich schließen und Zuwanderer, denen geholfen wurde, werden nicht nur sich selbst, sondern auch anderen helfen können.