8. Jahrgang Nr. 6 / 27. Juni 2008 - 24. Siwan 5768

Von jüdischen Zahlen-Genies

Wanderausstellung erzählt Schicksal von jüdischen Mathematikern im deutschsprachigen akademischen Kulturkreis

Von Lisa Borgemeister

„Jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen akademischen Kultur" – ein Forschungsgegenstand? Eines stellt die Ausstellung gleich zu Beginn klar: „Jüdische Mathematiker betrieben Mathematik in derselben Weise wie ihre christlichen Kollegen, bauten auf den gleichen Leistungen der griechischen und arabischen Denker auf." Das klingt logisch. Der Wanderausstellung beweist zudem, dass jüdische Mathematiker im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik eine tragende Rolle spielten. Und vor allem, dass es in den Wirkungs- und Entfaltungsmöglichkeiten große Unterschiede gab.

Zwar waren Juden per Gesetz ab 1812 und 1848 gleichberechtigt, jedoch nur „de jure", nicht „de facto". So wurden jüdische Wissenschaftler etwa nicht gleichberechtigt als Professoren an Universitäten berufen. Auch nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 und später in der Weimarer Republik galt zwar die rechtliche Gleichstellung, dennoch blieben Diskriminierungen bestehen – nicht nur beim Besetzen von Lehrstühlen, auch beim Studium. Hinweise auf antisemitisch begründete Ablehnungen sind in amtlichen Dokumenten zwar nur selten zu finden. Doch die Analyse privater Kommunikation spricht für sich.

Die Wanderausstellung zeigt viele solcher Beispiele und Schicksale. In aufwändiger Recherche hat die Arbeitsgruppe Wissenschaftsgeschichte der Universität Frankfurt die Daten und Lebenswege jüdischer Mathematiker zusammengestellt und ausgewertet. Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht. Präsentiert werden die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse an acht Stationen – beginnend mit den Rahmenbedingungen jüdischen akademischen Lebens im deutschsprachigen Raum ab dem 19. Jahrhundert und endend mit der Verfolgung und Vertreibung ab 1933.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verloren jüdische Mathematiker zunächst ihre Arbeit und mussten dann um ihr Leben fürchten. Vielen gelang die Flucht ins Ausland. Andere wurden deportiert oder begingen Selbstmord. Mindestens 15 jüdische Mathematiker fanden so den Tod. Offen bleibt die Frage nach den Reaktionen nicht-jüdischer Mathematiker in Deutschland. Wer half den jüdischen Kollegen und unterstützte die Verfolgten? Und wer setzte sich ab Mai 1945 für ihre Rückkehr ein?

Die Ausstellung kann und will keine allumfassenden Antworten geben. Doch mit der Bearbeitung des Themas ist ein bedeutender Schritt getan, die Lücke in der Geschichte der Mathematik des 19. und 20. Jahrhunderts zu schließen. Es ist beeindruckend, wie viele amtliche Dokumente, Fotos, Briefe und andere historische Papiere bereits zusammengetragen wurden. Schade nur, dass die Präsentation einen geduldigen Ausstellungsbesucher voraussetzt: Die Forschungsergebnisse sind recht schmucklos und fast ausschließlich auf Schautafeln aneinandergereiht. Die Veranstalter versprechen jedoch für den Herbst eine umfassende deutsch-englische Internetfassung, die künftig auch weitere Exponate und Informationen über jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen akademischen Kultur aufnehmen soll.

Die nächsten Stationen der Wanderausstellung: Hamburg (3.-24. Juli, Ort noch unbekannt), Erlangen (14. September bis 2. Oktober, Universitätsbibliothek), Bonn (7.-24. Oktober, Wissenschaftszentrum), Magdeburg (29. Oktober bis 15. November, Universitätsbibliothek), München (20. November bis 30. Januar, Deutsches Museum). Weitere Ausstellungsorte können hinzukommen. Aktuelle Informationen gibt es im Internet: www.juedische-mathematiker.de