8. Jahrgang Nr. 6 / 27. Juni 2008 - 24. Siwan 5768

Verbalattacken gegen Fußballer

Antisemitismus nimmt bei Kreisligaspielen der Teams von TuS Makkabi zu - Ein Zustandsbericht

Im Bundestag betonen Politiker über Parteigrenzen hinweg immer wieder die unverbrüchliche Freundschaft zum jüdischen Volk. Die Realität in der Kreisliga B sieht anders aus. Ilja Slavinski spricht von Diffamierungen, die seine Spieler in Berlin treffen. Es fielen Sätze wie "Juden gehören in die Gaskammer". Slavinski, ein Mann mit gegerbtem Gesicht, ist Trainer der zweiten Mannschaft von TuS Makkabi Berlin. Das Beispiel zeige, wie das Umfeld für Juden in Deutschland ungemütlicher werde, so der Vize-Präsident des Zentralrat der Juden, Dieter Graumann. Denn: "Der Sport ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Antisemitismus äußert sich immer offener, aggressiver und enthemmter.

Slavinski erinnert sich nur ungern an das Spiel im Herbst 2006 gegen VSG Altglienicke II. "Hier regiert die NPD", "Synagogen müssen brennen" und "Auschwitz ist wieder da", riefen "Fans". Ein Makkabi-Spieler, der beim Schiedsrichter gegen das Gebrüll protestierte, kassierte die gelb-rote Karte. Kurz vor Spielende verließ die Makkabi-Elf das Feld. "Seitdem hat sich wenig geändert, es wird immer schlimmer", lautet Slavinskis Fazit zum Ende der aktuellen Saison. Der 67-Jährige sagt, dass es vor allem bei Spielen im Osten der Hauptstadt zu Beschimpfungen komme.

Es ist ein herrlicher Sommertag in Berlin-Weißensee: Die zweite Mannschaft von Makkabi tritt, umweht von Bratwurstduft, beim Hohenschönhauser SV Rot-Weiß an. 0:5 heißt es am Ende gegen den Meister. Als die Spieler mit gesenkten Köpfen davontrotten wollen, fordern die Rot-Weißen den Sportgruß ein. "Das war heute total fair, da kann man nichts sagen", betont Makkabi-Abwehrrecke Alexander Kaufmann. Ihm ist aufgefallen, dass die Gegner gegen die Weiß-Blauen, die auf ihrem Trikot einen verfremdeten Davidstern als Vereinswappen tragen, härter einsteigen. "Dabei sind bei uns nur noch die Hälfte der Spieler jüdischen Glaubens - aber was zählt ist, dass es ein jüdischer Verein ist."

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) hat in Berlin laut einem von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Projekten durchgeführtem Bericht 2007 die Erfahrung gemacht, dass es dort für Juden gefährlich ist, wo sie - oder Menschen, die für jüdisch gehalten werden - klar zu identifizieren sind. "Ein jüdischer Fußballverein mit dem Davidstern als Wappen bietet vor diesem Hintergrund wohl eine besondere Angriffsfläche", meint Koray Yilmaz-Günay vom Berliner Antisemitismus-Projekt "amira".

Zentralrats-Vize Graumann betont, dass der Deutsche Fußball-Bund bei der Bekämpfung von Rassismus vorbildlich sei, nicht aber der Berliner Landesverband. "Da wird zu viel unter den Teppich gekehrt, da müssten eigentlich die Alarmglocken schrillen." Man brauche mehr Prävention und härtere Strafen. Immerhin wurden die Spieler und Betreuer von der VSG Altglienicke, die die Zuschauer nicht zurückgehalten hatten, zu einem Anti-Rassismus-Seminar geschickt.

Tuvia Schlesinger, Präsident von TuS Makkabi, bemängelt, dass die straf- und sportrechtliche Verfolgung oft unzureichend sei. Ihm geht es darum, den Anfängen zu wehren. "Vom Bauchgefühl würde ich sagen, dass insgesamt der Antisemitismus zunimmt", sagt der 56-jährige Polizist. Er berichtet von Schülern, die sich auf ihren Schulen nicht mehr wohlfühlten und zu jüdischen Einrichtungen wechselten. Gerade auf dem Sportplatz aber suche sich der Antisemitismus ein Ventil.

Während es bisher die zweite Makkabi-Elf traf, wurde zuletzt auch die Verbandsliga-Mannschaft immer häufiger attackiert: So zeigte ein Zuschauer beim Spiel gegen den Adlershofer BC den Hitlergruß am Spielfeldrand, ein Spieler der Reinickendorfer Füchse soll "Scheiß-Judenverein" gebrüllt haben. A-Jugendliche, die vor einem Makkabi-Spiel eine Kabine belegten, schleuderten den Spielern beim Betreten der Kabine angeblich heftige Beleidigungen entgegen. Die Fußballer des TuS Makkabi sind bisher von körperlichen Attacken verschont geblieben. Wegen der Vorfälle trägt die erste Mannschaft aber nun Trikots mit dem Schriftzug "Respekt im Spiel".

Parallel zu diesen Entwicklungen im Berliner Fußball berichtet Graumann - ohne Hysterie verbreiten zu wollen -, dass beim Zentralrat immer mehr Hass-Mails eintrudeln.

dpa