4. Jahrgang Nr. 12 / 23. Dezember 2004 - 11. Tewet 5765

Immer wieder sonntags

Einmal wöchentlich treffen sich junge Zuwanderer im Club „Bnej Israel“

Von Christine Schmitt

Einsam war er, als er nach Berlin kam. „Ich wusste nicht, wo ich hingehen konnte, um gleichaltrige Leute kennen zu lernen“, sagt Wladimir heute. Erst im Jugendclub Bnej Israel traf er viele junge Menschen, die wie er aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gezogen waren, so der Biologiestudent.

Vor fünf Jahren war er mit seiner Familie aus der Ukraine gekommen und war zu Beginn doch „orientierungslos“, sagt er. Mittlerweile fühlt er sich in Berlin wohl und hat viele Freunde gefunden. Einige davon im Jugendclub. Noch heute kommt er ab und zu hierher.

Sabina Bairamov gießt das kochende Wasser in die Teekanne. Kuchen, Obst, Erdnüsse, Teller und Tassen hat sie bereits auf den kleinen Tisch gestellt. Entspannt setzt sie sich in einen Sessel. Die Leiterin von Bnej Israel wartet auf die Besucher. Vor fünf Jahren hatte sie die Idee, einen Jugendclub zu gründen. Unterstützung bekam sie von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. „Versuch es“, wurde ihr mit auf den Weg gegeben. Seither treffen sich jeden Sonntag mehr als zwanzig 17- bis 35jährige in einem kleinen, gemütlichen Raum in der Oranienburger Straße. Mittlerweile hat Sabina Bairamov um die hundert Namen auf ihrer Teilnehmerliste stehen.

Ihre lebhaften Stimmen hört man lange bevor Dimon, Olga und Natalie den Raum betreten. Blumen und Geschenke haben sie dabei, denn sie wollen heute einen Geburtstag feiern. Sie sind vergnügt, Handys klingeln und alle reden gleichzeitig – vorwiegend in ihrer russischen Muttersprache. Die Mitglieder kommen zum größten Teil aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, und sie sollen im Club nicht nur andere kennen lernen, sondern auch mehr über das Judentum erfahren.

„Sie leben in einem neuen Land und können teilweise nur schlecht Deutsch“, so Sabina Bairamov. Die Jugendlichen hätten viele Probleme, da möchte die Marketing- Assistentin ein wenig helfen. Die Achtundzwanzigjährige weiß, wovon sie spricht. Schließlich ist sie selber vor Jahren aus Aserbaidschan nach Berlin gekommen. Dort hatte sie Sozialwissenschaften und Psychologie studiert, bereits als Lehrerin gearbeitet und war im israelischen Kulturzentrum in Baku aktiv.

„Mindestens einmal im Monat widmen wir uns jüdischen Themen“, sagt Sabina Bairamov. Regelmäßig sprechen sie zum Beispiel über den jeweiligen Wochenabschnitt der Tora. An Jom Kippur gehen alle gemeinsam in die Synagoge, das Purimfest bereiten sie gemeinsam vor. Auch der Gedenktag für die gefallenen Helden Israels ist Thema im Club. Manchmal organisiert Sabina Bairamov Treffen mit israelischen Studenten oder lädt Mitarbeiter der israelischen Botschaft ein, um über die aktuelle Lage in Israel zu sprechen. Ausflüge in Museen und Ausstellungen stellt sie auf die Beine und auch Diskussionsrunden. „Aber wir veranstalten auch gerne mal ein Falafel-Essen oder lassen uns von einem Stylisten über neue Frisuren und Make-up informieren“, so Sabina Bairamov.

Dimon ist seit drei Jahren regelmäßig sonntags dabei. „Komm doch mal mit“, hatten Freunde ihm geraten. Dem 26jährigem gefiel es auf Anhieb, und er ist seitdem immer mit von der Partie. Ebenso wie Natalia. Für sie seien die Treffen immens wichtig, sagt sie. Anne hatte über ihre Mutter von dem Club erfahren. Seit zwei Jahren ist sie nun dabei, sonntags ruht sie sich aus und unternimmt nichts. Erst am Nachmittag wird sie aktiv und macht sich auf den Weg in die Oranienburger Straße. „Ohne ,Bnej Israel‘ wäre der Sonntag öde.“

Jugendclub Bnej Israel: sonntags 15 bis 17.30 Uhr, Oranienburger Straße 31, Zimmer 309, Kontakt: Telefon 0172 382 93 68

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 47/ 25.11.2004