4. Jahrgang Nr. 11 / 26. November 2004 - 13. Kislev 5765

Gelebtes (jüdisches) Großbürgertum

Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin porträtiert sechs Berliner Familien und dokumentiert den Geist einer längst untergegangenen Epoche

Von Sharona Legner-Zuriel

Zeitgeist einfangen, Menschen im Bild festhalten – was heute fast mit jedem Handy möglich ist - war besonders im 18. und 19. Jahrhundert ein Zeichen dafür, dass man es geschafft hatte, dass man dazu gehörte. Familienporträts, gemalt von großen Künstlern jener Zeit, waren das unabdingbare Accessoire des deutschen Großbürgertums, zu dem auch viele jüdische Familien gehörten.

Sechs dieser prächtigen Familienporträts hat das Jüdische Museum jetzt in der Ausstellung „Stil(l)halten, Familienbilder im jüdischen Bürgertum“ zusammengetragen. Zu sehen sind die Bilder der Familien Mannheimer, Goldschmidt, Strousberg, Mosse, Liebermann und Plesch. Um einen besseren Einblick in die Zeit und mehr Verständnis für diese Epoche, in der diese Bilder entstanden sind, zu vermitteln, hat das Museum die Ausstellung durch Kleidungsstücke, Tischgeschirr und ganze Wohnzimmer ergänzt. So ist das Zimmer, in dem die Familie Mannheimer sich porträtieren ließ, in Originalgröße nachgebaut worden. Das Alltagskleid der Maler-Gattin Martha Liebermann ist ebenso ausgestellt, wie das Porzellan der Arztfamilie Plesch. Selbst eine elektrische Eisenbahn, wie sie durchaus in einem Kinderzimmer der Familie Strousberg im 19. Jahrhundert hätte stehen können, fährt durch den Raum.

Das erstaunlichste für den Betrachter der Bilder ist jedoch, wie wenig „jüdisch“ das Dargestellte ist. Denn viele Menschen sind heute fest davon überzeugt, dass das Judentum jener Zeit ein Synonym für das osteuropäische Stelt war, das sich vor allem in Deutschland um die Jahrhundertwende immer weiter verbreitete. Auf den Porträts sind weder Schabbat-Leuchter, Messuzot oder andere jüdische Kultusgegenstände zu sehen. Die Familienmitglieder tragen durchweg die dem Zeitalter entsprechende Kleidung. Natürlich fehlen die typisch christlichen Reliquien – aber da unterschied sich das jüdische Bürgertum wenig von anderen großbürgerlichen Familien. So verstehen die Ausstellungsmacher die Bilder auch als Geschichte der Familie im deutschen Bürgertum überhaupt.

Judentum hatte in diesen Familien sehr unterschiedliche Bedeutungen und wurde zuweilen. gar nicht mehr gelebt. So trat der in Ostpreußen geborene Bethel Henry Strousberg in London zum Christentum über und änderte seinen Namen von Straussberg in Strousberg. Zurückgekehrt nach Berlin, wurde er durch Eisenbahn-Projekte sehr reich und baute sich und seiner Familie in der Wilhelmstraße ein Luxus-Palais, das später von der englischen Botschaft genutzt wurde.

Die meisten der anderen dargestellten Familien pflegten ein liberales Judentum. Moritz Mannheimer war beispielsweise Mitglied der 1845 gegründeten Berliner Reformgemeinde. Seine Tochter besuchte das Internat der christlichen Herrnhuter Brüdergemeinde.

Porträtieren ließ sich das jüdische Bürgertum von den bekannten Malern seiner Zeit. Um 1844 ließ sich die Familie Goldschmidt im Hof ihrer Fabrik in der Köpenicker Straße malen. Anton von Werner erstellte 1889 ein riesiges Gemälde der Familie Mosse mit Freunde und Verwandten, das im Hause Mosse das Esszimmer schmückte, aber im Krieg zerstört wurde. Max Liebermann porträtierte sich und seine Familie höchst persönlich. Max Slevogt malte 1928 das Bild der mit ihm befreundeten Familie Plesch.

„Stil(l)halten. Familienbilder im Jüdischen Bürgertum“, Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin, zu sehen noch bis zum 16.Januar 2005.