8. Jahrgang Nr. 5 / 30. Mai 2008 - 25. Ijar 5768

Wie Juden im Osten Deutschlands lebten

Neue Ausstellung im Centrum Judaicum dokumentiert anhand von zehn ausgewählten Lebensläufen das Spektrum der politischen Repression in Ostdeutschland

Von Irina Leytus

Jüdisches Leben in Ostdeutschland – mit diesem spannenden Thema beschäftigt sich die aktuelle Ausstellung „Zwischen bleiben und Gehen" im Berliner Centrum Judaicum. Sie gewährt Einblick in ein immer noch dunkles Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte. Anhand zahlreicher Originaldokumente wird ohne Pathos aber mit viel Einfühlungsvermögen das Schicksal von zehn ostdeutschen Juden nach dem zweiten Weltkrieg im Osten Deutschlands erzählt, die "Misstrauen bei den Sowjetherrschern" erregten und teilweise verfolgt und vor Gericht gestellt wurden .

In das Rund des Ausstellungsraumes wurden ausführliches Dokumentationstafeln gestellt, die Ereignisse und Fakten nüchtern dokumentieren: Verfolgung der Juden im Zweiten Weltkrieg, Befreiung durch die Alliierten, Abspaltung der sowjetischen Zone, stalinistische Säuberungen in Osteuropa, die im Sommer 1952 in antisemitischen Strafprozessen gipfelten, deren Auswirkungen selbst in Ostberlin zu spüren waren: Von 14 wegen Verrats und Spionage verurteilten führenden Partei- und Staatsfunktionären waren elf jüdisch. Kein Wunder also, dass im Januar 1953 etwa 900 Juden aus der DDR dem Aufruf aus dem Westen folgten, in Richtung Westberlin zu fliehen. Beklemmend in diesem Zusammenhang das Foto einer Mutter mit ihren drei Kindern, sitzend auf dem Boden im Aufnahmenlager Wannsee - es visualisiert: wieder Flucht, wieder gepackte Koffer und immer noch kein neues Zuhause. Erstaunlich dagegen die Aufnahme aus dem Jahre 1951, die das damalige und jetzige Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde an der Oranienburger Straße mit zwei überdimensionalen israelischen Fahnen zeigt. Auch eine Original-Fahne hängt in der Ausstellung.

Im Zentrum des Ausstellung und der Ausstellungsrotunde stehen die Schicksale der zehn portraitierten jüdischen Ostberliner. Somit wird – auch plastisch - zum Ausdruck gebracht: Der erbarmungslosen und menschenverachtenden Geschichte des 20sten Jahrhunderts konnte sich kein Jude entziehen. Berührend das Schicksal von Eva Robinson, die 1918 in Belgrad geboren wurde. Die Tänzerin und Schauspielerin hat Dachau und Sachsenhausen überlebt, um dann, im Juli 1945, als englische Spionin verhaftet zu werden. Hintergrund: Robinson weigerte sich, bei Folterungen zu dolmetschen. Erst fünf Jahre später wurde sie zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Im Juli 1954 wurde sie in die BDR entlassen.

Deneben die Geschichte von Adalbert Kaba-Klein. Der bei Budapest geborene Kaufmann kaufte 1923 auf Rügen (Binz) das Kurhotel „Kaiserhof". 1939 wurde er gezwungen zu verkaufen. Kaba-Klein floh nach Budapest und überlebte versteckt. Im Mai 1947 kehrt er nach Binz zurück, tritt in die SED ein und wird Mitglied in der jüdischen Gemeinde zu Schwerin. Sein „Hotel" bekommt er nicht zurück, im Gegenteil: Im Rahmen der „Aktion Rose" wird er - wie viele andere frühere Besitzer von 400 Hotels und 180 Gaststätten - als „kapitalistisches und kosmopolitisches" Elemente verhaftet. Übrigens in Binz erinnert eine Tafel an die Enteignungen vor dem Krieg – nichts aber erinnert an das SED-Unrecht.

Da ist auch noch die Geschichte von Erich Nelhans. Er wurde 1899 in Berlin geboren, führte einen Postkartenverlag und war Vorsteher einer kleinen Synagoge. Auch er überlebte versteckt, seine Frau und Eltern kamen im KZ um. Von 1945 bis zu seiner Verhaftung durch die sowjetischen Behörden 1947 war Nelhans Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Der Vorwurf: Nelhans, der im Ost-Teil der Stadt wohnte, soll jüdischen Sowjetsoldaten zur Flucht nach Westberlin verholfen haben. Strafe: 25 Jahre Arbeitslager. Erich Nelhaus starb in 1950 im Sonderlager in Moldau und wurde erst 1997 von einem Militärgericht in Moskau rehabilitiert.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Juni 2008 an der Oranienburger Straße 28/30 und ist täglich, außer Sonnabend, geöffnet.