Meine Damen und Herren,
ich freue mich, dass Herr Bundesminister Otto
Schily bei uns ist; es ist schön, die Landesregierung durch Herrn Staatsminister
Peter Frankenberg vertreten zu sehen; ich begrüße ausdrücklich die
Oberbürgermeisterin dieser bezaubernden Stadt, Frau Beate Weber; es ist mir eine
große Freude, den eigentlichen Hausherrn, den Rektor der Universität Heidelberg,
Herrn Prof. Peter Hommelhoff, zu begrüßen; mein besonderer Gruß gilt auch dem
zur Zeit amtierenden Rektor der Hochschule für Jüdische Studien, Herrn Prof.
Manfred Oeming, ich freue mich auf den Festvortrag von Dr. Doron
Rabinovici.
Lieber Paul Spiegel: schön, dass Du heute bei uns bist. Du
ehrst durch Deine Anwesenheit unsere Veranstaltung auf besondere Weise.
Verehrte Ehrengäste, liebe Freunde, meine Damen und Herren, im Namen des
Zentralrates der Juden in Deutschland heiße ich Sie alle herzlich willkommen zu
unserer heutigen Jubiläumsfeier in der wunderschönen Alten Aula der Universität
Heidelberg.
Als 1979 die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg
gegründet wurde, geschah dies in der erklärten Absicht, "die Erforschung und das
Studium der jüdischen Kultur, Geschichte und Religion in Deutschland zu
erneuern". Was war damals inhaltlich mit "erneuern" gemeint? Diese Frage ist
angesichts der Tradition bekannter Vorgängerinstitutionen, wie etwa die der
"Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" nicht ohne Brisanz. Denn seit
ihrer Gründung durch Leopold Zunz im Jahre 1819 stand die "Wissenschaft des
Judentums" unter dem ständigem Legitimationsdruck verweigerter akademischer
Anerkennung durch deutsche Universitäten. Um sie dennoch zu erlangen, mussten
jüdische Historiker und Wissenschaftler mit Etablierung der "Wissenschaft des
Judentums" die Auflösung elementarer Bestandteile des Judentums in Kauf nehmen:
anstelle eines traditionell gelebten Judentums trat zunehmend ein historisch und
wissenschaftlich untersuchtes.
Der moderne Versuch, jüdische
Vergangenheit mit den Mitteln der Historiografie zu rekonstruieren und Judentum
wissenschaftlich zu sezieren, begann zu einer Zeit, in der die Kontinuität
jüdischen Lebens in Deutschland sich allmählich aufzulösen begann. Dabei fiel
jüdischer Geschichte und der "Wissenschaft des Judentums" eine völlig neue Rolle
zu: die des Religionsersatzes vom Glauben abgefallener Juden. Erstmals wurde in
Fragen des Judentums statt eines heiligen Textes, Geschichte und "Wissenschaft
des Judentums" zur entscheidenden Berufungsinstanz. Doch die damit
unausweichlich verbundene Auflösung überkommener Grundlagen des Judentums führte
nicht zur erhofften akademischen Anerkennung von nichtjüdischer
Seite.
Wenn 1979 bei der Gründung der Hochschule für Jüdische Studien in
Heidelberg die Rede davon war, "die Erforschung und das Studium der jüdischen
Kultur, Geschichte und Religion in Deutschland zu erneuern", dann kann damit
nicht eine Erneuerung gemeint gewesen sein, die an diese tragische "Tradition"
des deutschen Judentums vor 1933 anknüpft - ohne Verkennung einer gewissen
historisch bedingten Ausweglosigkeit, vor der die Vertreter der einstigen
"Wissenschaft des Judentums" seinerzeit standen. Für die "Hochschule" gilt es,
sich dieser ambivalenten geschichtlichen Erfahrung des einstigen deutschen
Judentums bewusst zu bleiben.
Das aber kann nur bedeuten, dass heutiges,
in Deutschland akademisch gelehrtes Judentum sich weder unter
"wissenschaftlichen Legitimationsdruck" setzen lassen darf noch die Funktion des
Religionsersatzes für säkularisierte Juden anstreben sollte. Es ist diese
historische Erfahrung, an der die "Erneuerung" der Erforschung und des Studiums
"der jüdischen Kultur, Geschichte und Religion in Deutschland" zu messen sein
wird. Und an dieser Stelle sei es gesagt: Die vorbildliche Zusammenarbeit der
Hochschule für Jüdische Studien mit der Universität Heidelberg und dem
"Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg" hat diese
gegenüber der Vergangenheit grundlegend gewandelte Einstellung und Ausrichtung
der "Hochschule" ermöglicht - dafür und auch für die persönliche,
freundschaftliche und stets von Offenheit gekennzeichnete Beziehung möchte ich
Ihnen, Herr Prof. Hommelhoff, und Ihnen, Herr Müller-Arens, herzlich danken. Und
danken möchte ich an dieser Stelle auch dem Lehrpersonal und allen Mitarbeitern
unserer Hochschule. Denn dank der außerordentlichen Qualität ihrer Professoren,
Dozenten und Assistenten ist die Hochschule für Jüdische Studien heute die
bedeutendste jüdisch-akademische Ausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum -
wenn nicht in ganz Europa.
Das sollte sie auch bleiben, denn in den
kommenden Jahren wird ihr mehr und mehr eine weitere wichtige Funktion
zuwachsen: die der akademischen Integrationsstätte für aus den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion zugewanderte Juden. Ausgelöst durch diese Zuwanderung ist
der Bedarf der Jüdischen Gemeinden an akademisch ausgebildeten deutschsprachigen
Religionslehrern und Rabbinern deutlich gestiegen. Seit 2002 besitzt die
Hochschule für Jüdische Studien als erste akademische Institution in der
Geschichte Deutschlands das Recht zur Ausbildung jüdischer Religionslehrer mit
Staatsexamen. Mit Hilfe eines eigens vom Zentralrat der Juden in Deutschland
eingerichteten Stipendiums wird gerade jüngeren jüdischen Menschen, deren
Familien aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, ein Studium an der "Hochschule"
ermöglicht. Damit leistet die Hochschule für Jüdische Studien einen wichtigen
integrativen Beitrag für die jüdische Gemeinschaft in
Deutschland.
Anliegen der "Hochschule" bleibt es, jüdische Religion und
Kultur ganzheitlich zu vermitteln. Dies dokumentiert ihr vielfältiges
Lehrangebot: Geschichte des Jüdischen Volkes, Jüdische Philosophie und
Geistesgeschichte, Talmud und Codices, Bibel und Jüdische Bibelauslegung,
Hebräische Sprachwissenschaft und Literatur, Jiddisch, Religionsdidaktik und
-pädagogik, praktische Religionslehre sowie der einzige Lehrstuhl für Jüdische
Kunst in Deutschland.
Diese Fächervielfalt eröffnet den Studierenden, ob
im Rahmen des Magisterstudienganges, des Staatsexamens oder der
Rabbinerausbildung, zahlreiche berufliche Perspektiven. Und so sind ihre
Absolventen auch erfolgreich in den unterschiedlichsten Bereichen tätig. Ob in
akademischen Berufen, im Kulturbereich oder in den Jüdischen Gemeinden: Zu ihren
ehemaligen Absolventen zählen inzwischen Professoren, Museumsdirektoren,
Botschaftsangestellte, Religionslehrer und Rabbiner. Aber vielleicht noch
wichtiger: Die Absolventen wirken als Multiplikatoren, die das an der
"Hochschule" erworbene Wissen weitergeben und so ihren Beitrag leisten, um
Vorurteile abzubauen und Verständnis zwischen Juden und Nichtjuden zu
fördern.
Spätestens mit der Erlangung des Promotionsrechtes im Jahre 1995
hat sich die Hochschule für Jüdische Studien in der akademischen Landschaft der
Bundesrepublik etabliert. Heute studieren an ihr etwa 160 Studenten im Haupt-
und Nebenfach. Unser Ziel bleibt es, die Zahl der jüdischen Studierenden an der
"Hochschule" deutlich zu steigern.
All dies ist jedoch nicht ohne die
finanzielle Hilfe und ideelle Unterstützung möglich, die die "Hochschule" von
vielen Seiten erfährt. Daher möchte ich im Namen des Zentralrates der Juden in
Deutschland, in deren Trägerschaft die Hochschule für Jüdische Studien seit
ihrer Gründung steht, ihren Förderern, Partnern und Freunden danken:
- dem Bund, dem Land Baden-Württemberg sowie der Kultusministerkonferenz für
die jahrelange wohlwollende und fruchtbare Zusammenarbeit im Kuratorium der
Hochschule: Ihr Vertrauen und ihre Unterstützung haben das Projekt "Hochschule"
erst ermöglicht und zum Erfolg geführt;
- der Stadt Heidelberg, die der Hochschule ideale Rahmenbedingungen bietet und
ihr in den letzten 25 Jahren Heimat geworden ist;
- der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, mit der die Hochschule durch
einen freundschaftlichen Kooperationsvertrag verbunden ist;
- Herrn Prof. Manfred Oehming, dem die kommissarische Leitung der "Hochschule"
sehr schnell zur Herzensangelegenheit wurde;
- Herrn Prof. Dr. Berthold Beitz und der Alfried Krupp von Bohlen und
Halbach-Stiftung, die mit großzügig bemessenen Mitteln den
Ignatz-Bubis-Lehrstuhl für Religion, Geschichte und Kultur des Europäischen
Judentums eingerichtet hat;
- sowie dem Freundeskreis der Hochschule für Jüdische Studien für dessen
unermüdliches Engagement zum Wohl der Hochschule.
Sehen wir nun mit
Optimismus dem 50-jährigen Jubiläum der Hochschule für Jüdische Studien entgegen
- in der Hoffnung, dass dann die nächste Generation unsere Absichten, vor allem
aber unsere Taten günstig beurteilen wird.