8. Jahrgang Nr. 5 / 30. Mai 2008 - 25. Ijar 5768

Das Israel-Bild in Deutschland

60 Jahre nach der Staatsgründung ist viel passiert: Die Politik setzt positive Zeichen, aber die Bevölkerung will nicht mehr viel von besonderer Verantwortung wissen

Die Kanzlerin setzte die Feststellung im März bewusst ganz an den Anfang ihrer historischen Rede vor dem israelischen Parlament. «Ich bin zutiefst überzeugt: Nur wenn Deutschland sich zu einer immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte bekennt, können wir die Zukunft menschlich gestalten», sagte Angela Merkel damals. «Menschlichkeit erwächst aus der Verantwortung für die Vergangenheit.» Die Sicherheit Israels sei Staatsräson in Deutschland, ergänzte sie. So haben es deutsche Politiker - beispielsweise Bundespräsident Johannes Rau und sein Nachfolger Horst Köhler - in Israel und zuhause immer wieder formuliert. Das Bekenntnis zur Verantwortung für die Schoah, den Holocaust, war und ist für die deutsche Politik seit Jahrzehnten die Basis für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden, die Fortentwicklung des Verhältnisses zwischen der Bundesrepublik und Israel.

Wenige Tage vor dem israelischen Unabhängigkeitstag am 8. Mai, an dem der Staatsgründung am 14. Mai vor 60 Jahren gedacht wurde, ist eine Umfrage veröffentlicht worden, aus der hervorgeht, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung diese Ansicht so nicht teilt. 53 Prozent der Befragten sahen nach der Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF keine solche Verantwortung. Vor allem die Jüngeren, die 30- bis 39-Jährigen, tendieren zu dieser Auffassung. Nur 29 Prozent in dieser Altersgruppe wollen eine spezielle Verantwortung anerkennen.

Ist diese Umfrage nun ein Signal, dass die Deutschen immer noch Ressentiments gegenüber den Juden und ihrem Staat haben? Das wäre vermutlich zu weitgehend. Aber die Befragung passt zum Befund, dass das Bild Israels in Deutschland, die Meinung über die Partnerschaft mit dem Judenstaat, nicht so positiv ist, wie derzeit die Beziehungen auf Regierungsebene.

Die Deutschen sind gegenüber Israel skeptisch. Weitere Beispiele: Nur 13 Prozent der Deutschen äußerten in einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Zeitschrift «Internationale Politik» ausdrücklich Bewunderung für die einzige Demokratie im Nahen Osten. Die Mehrheit von 57 Prozent sieht den Staat der Juden wegen des Konflikts mit den Palästinensern kritisch.

Zur Wahrheit gehört aber auch, nach einer anderen Erhebung der Bertelsmann-Stiftung, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden in den vergangenen 15 Jahren besser geworden ist. Die Mehrheit der Israeli und der jüdischen Amerikaner habe heute eine positive Meinung von Deutschland, stellte die vor einem Jahr veröffentlichte Studie fest. Danach soll auch das Gefühl der Verantwortung der Deutschen für das jüdische Volk gewachsen sein. Und die Deutschen sympathisierten danach mehr mit den Israelis als mit den Arabern im Nahost-Konflikt als noch vor Jahren.

Ein Grund für die dennoch eher negative Einstellung der Deutschen zu Israel könnte darin liegen, dass Israel wegen des Nahost- Konflikts immer wieder mit Gewalt und Krieg in Verbindung gebracht wird. Der Projektleiter der Bertelsmann-Stiftung, Stephan Vogel, verwies bei der Vorstellung der Studie auf die unterschiedlichen politischen Grundeinstellungen in Deutschland und Israel. Deutsche und Israeli besäßen völlig andere politische Kulturen, sagte Vogel damals. «Daraus resultieren auch stark unterschiedliche Schlussfolgerungen für den Umgang mit Konflikten. Während es für die Israelis heißt 'nie wieder Opfer', lautet die Maxime der Deutschen 'nie wieder Krieg'.»

Trotzdem: Es ist eine Menge passiert in den deutsch-israelischen Beziehungen in den vergangenen Jahren. Die Umfragen und die guten Regierungskontakte von Merkel und Israels Premier Ehud Olmert sind das eine, auch wenn sie scheinbar widersprüchlich sind. Die Beziehungen sind aber durchaus intensiv. 85 deutsche Städte und Kommunen pflegen Partnerschaften mit Orten in Israel. Seit 1955 haben sich rund 500 000 junge Leute aus beiden Ländern an Jugend- und Schüleraustauschprogrammen beteiligt.

Der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, zog kürzlich in der Wochenzeitung «Das Parlament» das Fazit: «Die Bundesrepublik ist für Israel der wichtigste Freund nach den Vereinigten Staaten geworden.» In allen Fragen sei Deutschland für sein Land «die Nummer eins in Europa». Und Primor kennt die Deutschen und sein ambivalentes Verhältnis zu Israel nur zu gut.

dpa