4. Jahrgang Nr. 11 / 26. November 2004 - 13. Kislev 5765

Jüdisches Hilfswerk feiert Jubiläum

Vor 90 Jahren wurde das American Jewish Joint Distribution Committee gegründet

Von Hans-Ulrich Dillmann

Die telegraphische Bitte um Unterstützung kam aus der Türkei. Der damalige US-amerikanische Botschaft Henry Morgenthau Sr. bat im August 1914 seinen Freund Jacob Schiff um Unterstützung. Der New Yorker Philanthrop möge doch dringend Geld sammeln, um den unter türkischer Verwaltung in Palästina lebenden Juden finanziell zu helfen. Bald waren 50.000 US-Dollar gesammelt - und die Idee für ein Hilfswerk entstanden. Das American Jewish Joint Distribution Committee, in aller Welt als „Joint“ bekannt, feiert im November sein 90-jähriges Bestehen.

Seine erste große Bewährungsprobe bestand das jüdische Hilfskomitee während des Ersten Weltkrieges. Tausende von Tonnen koscherer Lebensmittel wurden von der Westküste der Vereinigten Staaten Richtung „Alter Welt“ verschifft, um unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden verteilt zu werden.

Zehn Jahre nach der Joint-Gründung formierte sich 1924 der so genannte Agro-Joint, die American Jewish Joint Agricultur Corporation. Ziel der landwirtschaftlichen Hilfsorganisation war die Etablierung jüdischer Landwirtschaftsgenossenschaften in der Sowjetunion. Das Projekt scheiterte jedoch. 1938 wurde der Joint in der UDSSR verboten, seine Vertreter ausgewiesen. Im gleichen Zeitraum unterstützte der Joint die Gründung jüdischer Siedlungen in Palästina und finanzierte deren religiöse als auch soziale Einrichtungen.

Seine zweite große Bewährungsprobe hatte der American Jewish Joint nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 zu bestehen. Rund 250 000 Verfolgte Juden konnten mit Hilfe des Joint ins benachbarte Ausland oder nach England und in die USA fliehen.

Der Joint organisierte Landwirtschaftsschulen in den Niederlanden, Dänemark, Luxemburg, Belgien und Frankreich, um die Entwurzelten auf ein Leben in der ländlichen Umgebung Palästinas vorzubereiten. In der Dominikanischen Republik und Bolivien baute das amerikanische Hilfswerk jüdische Siedlungen als Fluchtalternativen auf.

Als alliierte Truppen an der französischen Küste landeten, um Europa vom Naziterror zu befreien, befanden sich in der Etappe Mitarbeiter des Joint, die sich um die Überlebenden und Verschleppten kümmerten. Etwa eine dreiviertel Million jüdischer Displaced People wurden unterstützt. Kinder wurden mit Nahrung versorgt, Jugendlichen konnten einen Beruf erlernen, Familien erhielten ein Dach über dem Kopf.

Aber auch neun Jahrzehnte nach der Gründung des Joint (JDC) ist Hilfe notwendig: Juden in der sowjetischen Diaspora musste geholfen werden. Die äthiopischen Juden erfuhren bei ihrer Alija ebenso Unterstützung wie die im ehemaligen Jugoslawien zwischen die Fronten geratenen Serben, Kroaten, Moslems und Juden. Und als im vergangenen Jahr Argentinien aufgrund von Globalisierung, Misswirtschaft, und Korruption wirtschaftlich kollabierte und Zehntausende argentinischer Juden in Not gerieten, waren die mildtätigen Helfer des American Jewish Joint Distribution Committee zur Stelle.