4. Jahrgang Nr. 11 / 26. November 2004 - 13. Kislev 5765

„Chancen sind wichtiger als Hilfen“

Integration einmal anders: Jüdische Immigranten aus Russland in den USA – am Beispiel der Familie Krupetsky

Die zahlreichen jüdischen Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion stellen die angestammten jüdischen Gemeinden im Westen vor neue Herausforderungen. In den USA gab es schon vor 1989 Immigrationsprogramme für jüdische Sowjetbürger. Weil dort schon in den 80er Jahren wertvolle Erfahrungen mit dieser Immigrantengruppe gesammelt wurden, hat Ulf Meyer in San Francisco ein Fallbeispiel für die „Zukunft“ gesucht.

Wir haben uns um zwei Uhr am Fähranleger verabredet und - obwohl dort um diese Zeit viele Menschen warten - rate ich sofort richtig, wer wohl Alina Krupetsky ist und spreche sie an. Alina ist jung, hat lange, schwarze Locken und sieht in ihrem weißen Sportdress wie ein “All American Girl” aus. Ihre Eltern, Eugen und Ella, sind mitgekommen. Wir vier sitzen also am Fuße der Baybridge und die Krupetskys erzählen mir ihr Leben:

Sie wurden 1989 aus Weißrussland ausgeflogen und versuchten ihr Glück in der Neuen Welt. Den alltäglichen Antisemitismus daheim waren sie leid und ebenso die Aussicht, aufgrund ihrer Religionszughörigkeit geringe Berufsperspektiven zu haben. “Knapp ein Drittel der Bewohner unserer Heimatstadt Gomel waren jüdisch und nahezu alle haben den Ort verlassen“, erzählt Ella. Wie ihr Mann Eugen wurde sie in den späten 50er Jahren in Weißrussland geboren. Was die Krupetskys zur Emigration bewegte, beschreiben sie so: „Wir hatten in Weißrussland nichts zu verlieren, nur die Gewissheit, dass unser Leben immer gleich bleiben würde.“

Mit zwei Koffern, ein wenig „Shakespear-Englisch“ und 300 Dollar machten sie sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft - der Stempel im Pass erlaubte keine Wiederkehr. „Diejenigen, die zurückgehen, gehen nur ein einziges Mal und sind dann für alle Zeit von der Nostalgie geheilt“, bemerkt Eugen. Die Familie ist über Österreich und Italien nach San Francisco gekommen, wo Eugen schon bald mit Hilfe der Jewish Federation eine Arbeitsstelle als Systemingenieur fand. Ella, eine studierte Elektroingenieurin, hat bei mehreren Jung-Unternehmen gearbeitet und sucht derzeit Arbeit. „Wir haben nicht einen einzigen Tag von Sozialhilfe gelebt“, sagt Eugen stolz.

„Die jüdische Gemeinde hier war auf die Immigranten vorbreitet, hat die Einreise organisiert und die Tickets bezahlt. Die Zustimmung zum Einwanderungsprogramm war groß“, erzählt Sharon Fried von der Jewish Federation, die jeder ankommenden Familien eine Familie zuteilte, die sich um die Neuankömmlinge kümmern muss. „Die meisten wussten nichts über die amerikanische Kultur oder über die jüdische Religion. Und sie hatten kein Geld“, so Fried. Zum Integrations-Erfolg beigetragen haben die boomende IT-Industrie in den 90er Jahren, die russische Gemeinde in San Francisco und die liberale Atmosphäre in der Stadt. In der Bay-Area – einem Stadtteil von San Fransisco -leben heute etwa 250.000 Juden, ein Fünftel von ihnen aus der ehemaligen Sowjetunion. „Drei Viertel der russischen Immigrantenfamilien sind hier gut integriert“, resümiert Fried. „Das Bild des armen, osteuropäisch-jüdischen Geigers erwies sich als falsch“, sagt sie.

„Vielleicht dachten die Amerikaner, dass wir formbar wie ein Stück Ton seien, aber wir reagieren allergisch auf zuviel Organisation“, führt Eugen aus. Den angebotenen Religionsunterricht haben sie zwar nicht abgelehnt, aber „unsere jüdische Identität war nicht stark an die Religion gebunden“, sagt Ella.

Weil die Föderation die Neuankömmlinge finanziell unterstützt hat, mussten die etablierten Familien einen Teil der Aufwendungen anschließend zurückzuzahlen. Aber „die amerikanische Spendenkultur ist uns fremd“, sagt Eugen. Politisch sind die Krupetskys „Pro-Israel“, aber „weil die ökonomischen Chancen in Amerika besser sind, sind wir hier“, sagt Eugen.

Alina ist amerikanisierter als ihre Eltern und Israel gegenüber positiver eingestellt: „Ich hatte dort das Gefühl, zuhause zu sein“, beschreibt sie ihre Erfahrung: „Die „Russenphobie” dort hält sich in Grenzen und außerdem gibt es die hier ja auch“. „Ich gehe zur Synagoge, um mich meiner Wurzeln zu vergewissern, aber ich lese nie in der Tora“, sagt Alina. Aber schämen tut sich Alina nicht für das rollende „R“, das ihre Eltern als Einwanderer entlarvt. Untereinander sprechen die Eheleute Krupetsky Russisch, obwohl beide gut Englisch sprechen.

„Wir behalten eine Identität als osteuropäische Juden. Mit den vietnamesischen Boatpeople haben wir auf jeden Fall mehr gemeinsam als mit den “neuen Russen” Zuhause. Wir fühlen uns in San Francisco eher Zuhause als jemals in Russland.“

Welchen Rat würden sie nachfolgenden Immigranten und den etablierten Gemeinden in aller Welt geben? „Immigranten wie wir erwarten keine Almosen. Chancen sind wichtiger als Hilfe.“