4. Jahrgang Nr. 11 / 26. November 2004 - 13. Kislev 5765

„Happy Weihnukka“ auf Russisch

Wie jüdische Familien aus der ehemaligen Sowjetunion die Feiertage in Deutschland erleben – die „Zukunft“ hat nachgefragt

Von Irina Leytus

Wie feierten Juden Chanukka in der ehemaligen Sowjetunion, wie empfinden sie in Deutschland die zeitliche Nähe von Chanukka und Weihnachten? Eine wichtige Frage, die zum Jahresende immer wieder diskutiert wird. Die „Zukunft“ hat mir drei Juden aus der ehemaligen Sowjetunion gesprochen.

„Schwierige Frage“, sagt Arcadij Fried. „Als Kind dachte ich, dass Chanukka etwas mit Kerzenanzünden und mit Kreiselspielen zu tun hat. Ich weiß noch, dass meine Großmutter uns Süßigkeiten gab und dass sie Schokolade in Form von Goldmünzen ,Chanukkageld’ nannte“, erinnert er sich. Der inzwischen 50-jährige Fried stammt aus Riga und fand erst, nachdem er in Israel und später in Deutschland gelebt hat, einen Zugang zur jüdischen Religion. Heute ist er ein streng gläubiger Jude. Und dennoch kann Fried sich an viele Chanukka-Symbole aus der Zeit seiner Kindheit erinnern. Zudem hatte seine Familie, ganz im Gegensatz zu den meisten russischen Juden, damals keine „Jelka“, also keinen Weihnachtsbaum.

Um die Weihnachtstanne oder andere Symbole des christlichen Weihnachtsfests machten sich Juden in der Sowjetunion damals überhaupt „keinen Kopf“, zumal diese Symbole von den Kommunisten ohnehin „säkularisiert“ worden waren: Der Baum wurde zu Silvester aufgestellt und „Ded Moroz“ – der russische Weihnachtsmann – brachte die Geschenke in der Silversternacht. Hier in Deutschland ist der Einfluss durch die christliche Gesellschaft und die vor-weihnachtliche Atmosphäre, die in der Regel in die Chanukkazeit fällt, jedoch erheblich: Man geht auf die Straße und sieht die feierliche Beleuchtung, „stolpert“ über die Weihnachtsmärkte, und die weihnachtliche Werbung ist geradezu erschlagend – doch die Juden leben damit schon seit Jahrhunderten, sie haben gelernt, daraus das Beste zu machen. Jüdische Familien gehen heute mit ihren Kindern Karussellfahren, ohne einen großen emotionalen oder gar geistigen Zusammenhang zu dem Anlass des Rummels – also Weihnachten – herzustellen.

Im Gegensatz zu Arcadij lebt die 40-jährige Ella auch nach ihrer Emigration aus Russland kein religiöses Leben. Was also fällt ihr zum Chanukka- und Weihnachtsfest ein? Auch für sie ist der Begriff „Chanukkageld“ eine Erinnerung an ihre Kindertage: „Ich weiß, dass Chanukka ein fröhliches Kinderfest ist. Als Kind bekam ich immer Chanukkageld. Heute gebe ich diese Tradition an meine Kinder weiter. Außerdem gehen wir jedes Jahr zum Chanukkaball der Gemeinde und haben viel Spaß dabei!“ Der weihnachtliche Trubel in Deutschland stört Ella überhaupt nicht. Sie sei schließlich „tolerant“, fügt sie hinzu.

Der 17-jährige Michail Borisov aus der ukrainischen Industriestadt Dnepropetrovsk gibt sich ebenfalls sehr tolerant seinem christlichen Umfeld gegenüber, denn, so sagt er: „Ein Mensch ist ein Mensch. Es gibt keine guten oder schlechten Nationalitäten oder Religionen.“ Auch gegen einen Tannenbaum im jüdischen Haushalt hat Michail nichts, auch wenn er persönlich keinen mehr hinstellt.

Arcadij hat dagegen kein Verständnis für die russischen Juden, die auf ihren Tannenbaum in Deutschland nicht verzichten wollen: „In Deutschland ist es schwer, den Tannenbaum weiterhin mit Silvester und nicht mit Weihnachten in Verbindung zu bringen. Diejenigen, die ihn hier aufstellen, können die religiöse Bedeutung dieses Symbols nicht leugnen.“

Wenn sich die nicht-jüdische Gesellschaft mit Silvester oder dem Weihnachtsfest beschäftigt, geht das an den hier lebenden Juden nicht spurlos vorüber. Die Frage ist nur, wie stark der Einfluss ist. Es bleibt zu hoffen, dass trotz aller weihnachtlichen Verführungen die russischen Juden in Deutschland ihr „Weihnachtsgeld“ als Chanukkageld ausgeben und Kerzen – nicht auf dem Tannenbaum, sondern auf der Chanukkija - anzünden.