8. Jahrgang Nr. 4 / 25. April 2008 - 20. Nissan 5768

Von Vorurteilen und anderen Gefahren

„typisch! Klischees von Juden und anderen“ heißt die neue Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Dicke sind gemütlich, Schwarze athletisch, Schwule sensibel, Asiaten still und Deutsche ernst – so wollen es die Stereotypen. Obwohl diese Vorurteile oft nur ausnahmsweise der Realität entsprechen, haben sie eine psychologische Funktion: „Sie formen unser Bild von uns selbst und Anderen und können uns die Angst vor dem Fremden, Unbekannten nehmen". So jedenfalls formuliert es Karl Albrecht-Weinberger, der Direktor des Jüdischen Museums Wien, der die neue Ausstellung, die zur Zeit im Berliner Jüdischen Museum zu sehen ist, mitorganisiert hat. Die Nachteile solcher Vereinfachungen liegen auf der Hand: Oft ist der Weg vom Vorurteil zum Rassismus und Schwarz-Weiß-Denken nur sehr kurz.

Etwa 200 Exponate wurden für die Berliner Ausstellung zusammengetragen, darunter Werbebilder, Filme, Kunst und Alltagsgegenstände wie beispielsweise eine Büste von Marcel Reich-Ranicki. Als „Nörgeli" hat die Karikatur des jüdischen Literaturkritikers eine Riesennase. Nasen sind auch das Thema des amerikanischen Künstlers Dennis Kardon, der die Nasen seiner jüdischen Freunde und Verwandten abbildet – die alle völlig unterschiedlich aussehen. „Ich wollte mit meinen 49 Nasen das Stereotyp ad absurdum führen", so Kardon: „Denn das Einzige, was diese Nasen gemeinsam haben, ist, dass ihre Träger alle Juden sind."

Die Ausstellung „typisch! Klischees von Juden und Anderen" macht populäre Stereotypen und Denkschablonen deutlich: Sie dienen der Identifizierung und Abgrenzung, aber überschreiten bisweilen die Schwelle zum böswilligen Antisemitismus. Neben anti- und projüdischen Darstellungen geht es in der Schau auch um die Etikettierung von Afrikanern, Japanern und Indianern, Muslimen, oder Kommunisten und die vermeintlichen Eigenschaften, die man ihnen zuschreibt. Die Ausstellung vermischt historische Zeugnisse mit ironisierenden Exponaten. Klischees sind fester Bestandteil unserer Wahrnehmung, die unser Verständnis von uns selbst und vom »Anderen«, unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Nation formen. Die Vereinfachung hilft, Angst vor dem Unbekannten zu bewältigen, kann jedoch gleichzeitig auch das Material für rassistische Ideologien liefern. Die Exponate erzählen von festgefahrenen Meinungen und Vorstellungen von Minderheiten. Kurator Thorsten Beck hält Klischees nicht grundsätzlich für schlecht. Ziel der Ausstellung sei es jedoch, jenen Punkt zu finden, an dem festgefahrene Vorstellungen umkippten und sich in Rassismus und Diskriminierung verwandelten. um

Bis 3. August täglich von 10 bis 20 Uhr, montags bis 22 Uhr. Der Katalog kostet 24,90 Euro. Die Schau wird im Anschluss in Chicago und Wien gezeigt.