8. Jahrgang Nr. 4 / 25. April 2008 - 20. Nissan 5768

Außen jung, innen weise

Rabbiner im Portrait: Moshe Flomenmann hat seinen Traum früh wahr gemacht und ist bereits mit 25 Jahren Landesrabbiner von Sachsen-Anhalt

Wenn er ältere Rabbiner trifft, dann spricht er oft von einer Weisheit, die er beim Studieren gelernt hat: „Es kommt nicht darauf an, wie man außen ist, sondern wie man innen ist." Moshe Flomenmann ist gerade mal 25 Jahre alt und doch schon Landesrabbiner. Nicht jeder versteht das, aber ihm selbst gefällt seine neue Funktion sehr gut. Und wer glaubt, der Rabbi habe, weil er so jung ist, bisher weniger studiert als seine Kollegen, der irrt sich: Flomenmann hat nur einfach früher mit dem Lernen angefangen. Das mag damit zusammenhängen, dass er schon als kleiner Junge wusste, was er später einmal werden wollte: Rabbiner. Flomenmanns Urgroßvater war Rabbiner in der Ukraine, sein Großvater Rektor einer jüdischen Schule – und auch wenn Flomenmanns Vater Ingenieur geworden ist, waren religiöse Fragen in der Familie doch immer präsent und wurden stets gerne diskutiert.

Rabbiner in der Ukraine wurde Flomenmann dann aber doch nicht, denn: „Es gab kaum die Möglichkeit, einer guten Ausbildung", sagt er. „Und außerdem war in meiner Heimat immer Antisemitismus zu spüren." Als der kleine Moshe 12 Jahre alt wird, verlässt er mit seinen Eltern die Ukraine in Richtung Deutschland. Seinen Berufswunsch nimmt er mit. Er glaubt so fest an sein (berufliches) Ziel, dass er selbst in seinem zarten Alter nicht davor zurückschreckt, alleine weiterzureisen. Mit 13 Jahren bricht er in Richtung Dänemark auf, um an einem religiöses Internat zu lernen. „Das war nicht einfach für mich", erinnert sich der junge Rebbe, „aber meine Eltern haben mich Zeit meines Lebens gut unterstützt."

Unterstützung erfuhr Flomenmann auch vom ehemaligen Zentralrats-Präsidenten Ignatz Bubis sel. A. Als der 12-jährige kurz vor seiner Abreise nach Dänemark in der neuen Heimat seiner Familie – in Chemnitz – keine Möglichkeit hat, seine Bar Mitzwa zu bekommen, schreitet der Präsident nach einem rührenden Brief des Kindes ein und hilft: Seine Bar Mitzwa macht Moshe Flomenmann schließlich in Frankfurt am Main.

Nach seinem Dänemark-Aufenhalt ist der Wissensdurst des Rabbiner-Aspiranten noch lange nicht gestillt. Er zieht nach Manchester, wo er in einer Rabbiner-Schule schließlich seine Smicha erhält – gerade mal 21 Jahre ist Flomenmann zu diesem Zeitpunkt alt. Und sofort geht er zurück nach Deutschland. An der Grenze zur Schweiz, in Lörrach, findet er 2004 seine erste Anstellung als Gemeinderabbiner. Doch auch hier wird er nicht wirklich sesshaft - heute ist Flomenmann Gemeinderabbiner in Halle und Dessau. Sein Rabbiner-Büro aber ist in Magdeburg, denn er ist außerdem Landesrabbiner von Sachsen-Anhalt.

Wenn er Rat von älteren Kollegen braucht, wendet er sich an die Orthodoxe Rabbinerkonferenz oder an die „Conference of European Rabbis" in London, wo er ebenfalls Mitglied ist. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Jugendarbeit. Er organisiert Reisen für alle Jugendlichen Sachsen-Anhalts, zuletzt nach Zürich, die nächste soll nach Wien führen. „Die Jugendlichen sollen verstehen, was es bedeutet, ein jüdisches Leben in Europa zu führen", sagt Flomenmann. „Das ist mein Ziel." So will er einen Beitrag für die Zukunft des Judentums in Deutschland leisten.

Zeit zum Ausspannen bleibt dem Rabbiner kaum. „Aber wenn, dann mache ich einen Spaziergang – oder fliege hin und wieder in die Ferien nach Israel oder England." Vielleicht findet der unverheiratete junge Mann dort ja auch eine Braut. Bislang, sagt er, sei noch keine bereit gewesen, mit nach Deutschland zu kommen. „Das jüdische Leben hier ist den meisten noch immer zu klein."