4. Jahrgang Nr. 10 / 29. Okotober 2004 - 14. Cheschwan 5765

Abschied für immer

Ausstellung „Aus Kindern wurden Briefe“ erzählt bewegende Schicksale von geretteten Kindern aus Nazi-Deutschland und präsentiert Original-Briefe, Fotos, Interviews und Filmausschnitte

Von Sharona Legner-Zuriel

Sie war 13 Jahre alt, als ihre Eltern sie am Bahnhof in den Zug setzten, mit dem sie Deutschland verlassen würde. „Ich weinte nicht. Ich saß im Zug und hatte ein Buch auf dem Schoß“, erinnert sich Ruth Calmon heute. Eine andere 13jährige behielt für immer die Erinnerung an ihre Mutter, die ohnmächtig auf dem Bahnsteig zusammenbrach, im Kopf. „Aus Kindern wurden Briefe“ heißt die Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum, die das Schicksal der jüdischen Kinder, die aus Nazi-Deutschland fliehen konnten, aus der Perspektive ihrer Briefe an Eltern und Freunde beleuchtet.

Es sind jene einfachen, kindlichen Worte, mit denen das Alltägliche beschrieben wird, und die die Grausamkeit der Situation besonders verstärken. Da versuchen Kinder, etwa durch die Darstellung ihres Alltags in England, den Eltern in Deutschland Mut zu machen. Sie beschreiben den Garten, das ständige Nachpudern der englischen Ladies, ihre neue Schule, den Unterschied zwischen Socken und Kniestrümpfen und Teepartys. Sie schreiben sehr lange Brief, „obwohl noch kein Brief von euch gekommen ist“. Das Zitat stammt von Inge Rackwitz, die 1939 aus Sheffield an ihre Eltern in Berlin schrieb. Wie alle anderen Briefe in der Ausstellung, erreichte auch dieser nie seinen Adressaten. Auch die Zeilen von Fanni Zimmet „Ich träume jede Nacht von Euch, darum freue ich mich immer auf die Nacht“ werden die sehnsüchtig herbeigeträumten Eltern nicht lesen. Fast alle Angehörigen der Kinder, die von Ihren Eltern und mit Hilfe deutsch-jüdischer Organisationenin das sichere Ausland geschickt worden waren, haben nicht überlebt.

„Kinderauswanderung“ nannte sich die Rettungsaktion für die bedrohten jüdischen Kinder. 1933 wurde sie von der Zentralen Wohlfahrtsstelle der deutschen Juden in Berlin gegründet. Zwischen 1934 und 1941 konnten auf diese Weise 7253 jüdische Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren Deutschland verlassen. Allein 4797 kamen in englische Pflegefamilien, 627 wurden in den USA geschickt. Alle übrigen wurden in das europäische Ausland und nach Übersee gebracht. Die Kinder, die in Europa blieben, konnten den Nazis nicht immer entkommen, auch sie wurden teilweise aus ihrer neuen Heimat deportiert und umgebracht. Ab 1941 durften Juden Deutschland nicht mehr verlassen und die Aktion musste eingestellt werden.

Das Verfahren der Kindertransporte war langwierig, umständlich und bürokratisch. Um in die USA ausreisen zu dürfen, musste ein 10-Schritte-Programm befolgt werden. Es umfasste eine schriftliche Bewerbung, die Vorlage der vollständigen Unterlagen, den Nachweis einer Pflegefamilie, Bürgschaften, Termine beim Konsulat, Gesundheitszeugnisse, Visa und neue Pässe. Ziel war immer die Ausreise - die das Ende der Kindheit, den Verlust der Familie und meist die letzte Begegnung mit den Eltern bedeutete.

Manchmal blieben auch Kinder in Deutschland zurück, während Vater und Mutter bereits im Ausland waren. Rose Marie Noahs geschiedene Eltern waren bereits in die USA und nach England geflüchtet. Die 14jährige blieb bei den Großeltern. Vergeblich bemühte sie sich um die Ausreise nach England. In einem langen Brief an ihre Freundin erzählt sie von ihrem Leben, Hoffnungen und Träumen. Rosa Marie Noah wurde schließlich in Auschwitz ermordet.

Gerettet und dennoch irgendwie verloren – kaum eines der alleine ausgewanderten Kinder hat die jähe Trennung ohne Wiedersehen je verwunden. „Wenn man auswandert, gibt es keine ,roots’, keine Wurzeln, mehr. Man ist nie mehr in dem Land, in dem man Murmeln gespielt hat“ beschreibt Ruth Moos viele Jahre später ihr Schicksal. Ein anderes Mädchen, das auch mit 13 Jahren nach England flüchtete, konnte erst viel später weinen. Als diese ihrem jüngsten Sohn ihre deutsche Heimatstadt gezeigt hatte und schließlich vom gleichen Bahnhof wie damals abfuhr, flossen die Tränen während der gesamten Rückfahrt.

„Aus Kindern wurden Briefe“, Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, bis 31. Januar 2005, So.-Do. 10-18 Uhr, Fr. 10-14 Uhr.