4. Jahrgang Nr. 10 / 29. Okotober 2004 - 14. Cheschwan 5765

Die Gastfreundschaft Abrahams

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Nach dem Ende unserer Hohen Feiertage beginnen wir mit der Lesung des 1. Buch Moses, in dessen Mittelpunkt die Erzväter, vor allem Abraham, stehen.

In der Schrift wird berichtet, dass Abraham eines Tages „um die heiße Tageszeit am Eingang des Zeltes saß“ (18: 2). Da erblickte er drei Männer und sprach sie an: „Kehret bitte zu mir ein,...“ (18: 3). Die drei Männer, die sich später als Boten des Allmächtigen erwiesen, traten näher und ließen sich erfrischen und auch bewirten... Die jüdische Tradition sieht in unserem Vater Abraham das Vorbild der mustergültigen Gastfreundschaft. Es ist uns daher geboten, stets wie Abraham zu handeln. Gewiß hatte der Erzvater Diener und Knechte, an die er die Aufgaben der Bewirtung hätte „delegieren“ können, trotzdem betont die Schrift, dass er sich selber gewissenhaft um die Gäste kümmerte ( 18:7): „Er selbst lief zu den Rindern, nahm ein zartes, junges Rind...setzte es ihnen vor...(18:8)“. Anstatt sich zu den Gästen zu gesellen, lauschte er nach ihren Wünschen.

Es ist bis heute üblich, dass, wenn auswärtige Glaubensgenossen unsere Gemeinden aufsuchen, diese nach dem G-ttesdienst eingeladen werden. Heutzutage bereitet uns das Nacheifern auf den Spuren Abrahams, keine großen materiellen Anstrengungen. Unsere Vorfahren huldigten diesen Geboten jedoch auch zur Zeit der Not und Armut.

Manes Sperber, der galizische Schriftsteller beschreibt diese Zeit in Galizien: „Von dem für den Schabbat gebackenen, geflochtenen Weißbrot verzehrte man nur so viel wie notwendig war, um die vorgesehenen Segenssprüche zu rechtfertigen, den Rest aber bewahrte man für die kommende Woche auf, für den Fall, dass jemand krank würde.“ (aus Die Wasserträger G-ttes, S.28). Sehr oft verbarg man die eigene Not, um andere bewirten zu können.

Mit dem uns eigenen jüdischen Humor versuchten unsere Vorfahren, Elend und Not zu übertünchen. So auch in der folgenden Anekdote: Einst kam ein hungriger Gast am Schabbat Abend zu einer armen Familie, bei der, um alle satt werden zu lassen, auch das einfache Schwarzbrot neben der festlichen Challa (Mohnzopf) auf dem Tisch lag. Der Gast nahm jedoch ausschließlich vom Schabbatbrot und zwar reichlich. Bis der Hausherr ihn wohlmeinend ermahnte: „Nehmen Sie, auch vom Schwarzbrot, es ist sehr gesund. Wissen Sie, Weißbrot ist teuer...“

„Das ist es auch wert...“, antwortete knapp der Gast, der scheinbar aus der Erzählung Abrahams nur die uneingeschränkten Rechte des Gastes verinnerlicht hatte...