8. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2008 - 21. Adar II 5768

Von Matze und anderen Besonderheiten

Rabbiner Dr. Joel Berger (Stuttgart) über Bräuche und Rituale für das bevorstehende Pessachfest

Das jüdische Pessach- Fest, das uns seit der biblischen Zeit an den Auszug unserer Ahnen aus dem Sklavenhaus Ägyptens erinnert, ist mit vielen rituellen Vorschriften und Verhaltensregeln verbunden. Unsere Weisen meinten, wenn man sich alljährlich an diese hielte, man letzten Endes auch das bedeutungsvollste Erlebnis der Väter, eben die g-ttliche Befreiung nicht vergessen oder verdrängen würde.

Pessach, das wir in diesem Jahr vom 20. bis 27. April (15. bis 22. Nissan) feiern, ist eigentlich „Chag Hamatzot", d.h. Fest des ungesäuerten Brotes, weil das Brot, die „Matze", uns als Hauptspeise während der acht Tage begleitet. Der Name „Pessach", d.h. die „Überschreitung" der Häuser der Israeliten in Ägypten durch den Todesboten, bezieht sich auf den ersten Tag des Festes. Man könnte sagen, „Pessach" sei ein Hinweis auf die Rettung der damals in Ägypten unterdrückten, versklavten jüdischen Kinder durch G'tt. Einmalig und für jeden von uns unwiederholbar und unnachahmbar. Eben eine Heilstat des Herrn! Die Mazzen jedoch, die kann sich jeder von uns selber backen, kaufen oder besorgen, um sie an allen acht Tagen genießen zu können.

Das Ritual dieses Festes, das dem Gedenken, der Erinnerung und der Befreiung aus der Unterdrückung gewidmet ist, verbindet jeder Einzelne von uns mit Erinnerungen an das eigene Elternhaus. Die traditionellen Speisen des Sederabends versetzen viele von uns in die Szenerie unserer Kindheit zurück. Man sieht sich wieder am Tisch und erlebt erneut das Fest mit den Eltern und Großeltern. Viele von uns versuchen diese, oft wehmütigen Erinnerungen, zu bewältigen.

Die Matze, das ungesäuerte Brot wird vorschriftsgemäß aus Mehl und Wasser, hergestellt. Das Mehl wird eigens unter Aufsicht produziert und geliefert.

In den jüdischen Häusern herrscht vor Einbruch des Festes ein lebhaftes Treiben. Im Speiseraum wird der Sedertisch mit den symbolträchtigen Speisen geordnet: Zuerst ein gerösteter Knochen, als Erinnerung an das Pessach-Lammopfer der Ahnen am Vorabend ihres Auszuges aus Ägypten; ein Stück Erdfrucht, zur Erinnerung an die kargen Mahlzeiten während der Sklaverei; ein kleines Gefäß mit Salzwasser, als Erinnerung an die vergossenen Tränen in Ägypten; ferner, ein Mus aus Äpfeln, gehackten Nüssen, Zimt, Zucker und süßem Wein, das wegen seiner Farbe an das Baumaterial erinnerte, womit die versklavten Israeliten ihre Fronarbeit verrichten mussten und dann noch ein hartgekochtes Ei, mit Ruß eingefärbt, als Symbol für den Lebenskreis. In der Mitte des Tisches steht der Sederteller auf dem die symbolischen Speisen stehen. Darunter drei Matzen in einem Stoffbehälter, der meist schön bestickt ist.

Auf dem Sedertisch steht neben jedem Gedeck ein Weinglas, da wir an diesem Abend wegen der vier biblischen Ausdrücke der Erlösung und Befreiung im Laufe der Mahlzeit vier Gläser Wein trinken. Ein zusätzlicher Kelch mit Wein wird noch in die Mitte des Tisches gestellt für Elijahu, für jenen Propheten, der als Vorbote des Messias eines Tages die Ankunft des Erlösers ankündigen wird.

Die Zeremonie des Abends beginnt mit dem Segensspruch über den Wein.

Dann stellt der oder die jüngste der Tischgemeinschaft auf Hebräisch jene vier Fragen, auf die dann, als Antwort, die Erzählung des Auszuges aus Ägypten vorgetragen wird.

Ich möchte noch anmerken, dass unsere soziale Verpflichtung den Ärmeren gegenüber in den jüdischen Gemeinden im Vorfeld des Pessach- Festes besonders ernst genommen wird. Ein jeder ist dazu aufgerufen, für eine vorschriftsmäßige rituelle Ausstattung der sozial Schwächeren Sorge zu tragen. Die meisten Gemeinden in Deutschland haben ihre Sonderfonds, aus denen sie betont unbürokratisch, ohne die Notleidenden zu beschämen, diesen die „Maot Chittin", die „Getreide-Zulagen", vor dem Fest zukommen ließen.

Die große physische Not ist heute g-ttlob nicht zu beklagen. Ein jeder, der will, kann sich auch die Mazzot für das Fest leisten. Was uns dagegen mit größerer Sorge erfüllt, ist der Mangel an jüdischem Wissen. Dieses Wissen über unsere Feste ist zur eigentlichen Mangelware geworden. Um diesen Zustand zu beheben und sozusagen auch unsere Herzen von „Chamez" zu befreien, bedarf es all unserer Anstrengungen.