8. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2008 - 21. Adar II 5768

Drei Länder und eine erfolgreiche Frau

Rabbinerin im Portrait: Irit Shillor ist in Israel geboren, lebt in England und amtiert in der Jüdischen Gemeinde Hameln

Leben will sie hier nicht. Es ist das Land, das ihre Eltern und deren Familien zum Auswandern zwang, es ist das Land, dessen Bevölkerung verantwortlich zeichnet für den Mord an großen Teilen der elterlichen Verwandtschaft, die nicht rechtzeitig die Flucht geschafft haben. Aber in Deutschland arbeiten, das findet Irit Shillor in Ordnung. Die 57-jährige Rabbinerin kommt regelmäßig mit dem Jet aus England, ungefähr alle vier Wochen für ein Wochenende. Dann besucht sie ihre Gemeinde in Hameln, liest aus der Tora und hält zwei Gottesdienste ab. „Das ist mir wichtig, denn nur wenige hier können selber Hebräisch lesen", erklärt sie. Die weite Distanz ist kein Problem, Shillor ist kosmopolitisch und flexibel. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass sie in ihrem Leben bisher nicht nur eine, sondern zwei Karrieren gemacht hat.

In Jerusalem, wo sie aufgewachsen ist, studierte Shillor Mathematik und Physik. 1973 schließt sie ihr Studium ab. An ihre Jugend und Kindheit hat sie schöne Erinnerungen, „obwohl es so kurz nach der Unabhängigkeit Israels nicht immer einfach war." Zuhause wird Deutsch gesprochen, vor allem wegen der aus dem deutschsprachigen Raum geflohenen Großeltern. Bis heute spricht die Rabbinerin akzentfrei. „Die Arbeit in Deutschland hat mein Deutsch wieder aufgefrischt", sagt sie bescheiden. Nach dem Studium arbeitet Shillor mit hochbegabten Schülern, ehe sie mit ihren beiden Töchtern nach England geht. In Oxford setzt sie ihre Arbeit fort, wechselt aber bald nach London, wo sie an der Uni als Mathematikerin arbeitet und Physik unterrichtet. Erstmals hilft sie dort in einer Gemeinde beim Hebräisch-Unterricht.

Auch an der Uni in Winchester, die damals noch St.-Alfreds-College heißt, und wo Shillor ab 1990 lebt und arbeitet, wird sie wegen ihrer Hebräischkenntnisse von der örtlichen Gemeinde um Hilfe gebeten. Die Arbeit macht ihr so großen Spaß, dass sie kurzerhand beschließt, Rabbinerin zu werden. Ihre beiden Töchter, die heute 32 Jahre alte Tal und die 29-jährige Eynat, unterstützen sie bei dieser Entscheidung. Noch vor ihrer Ordination am Leo Baeck College in London beginnt sie – vermittelt durch einen guten Freund – in Deutschland zu arbeiten. Unter anderem hilft sie den Gemeinden in Hannover, Hildesheim, Bad Pyrmont und Hameln. Die kleinen Gemeinden gefallen ihr gut und ihr Deutsch verbessert sich weiterhin. Heute arbeitet Shillor in Deutschland nur noch in Hameln, dennoch ist ihr Deutschland nicht fremd geworden: Sie kommt oft zu Besuch, zum Beispiel fährt sie regelmäßig zur Bibelwoche nach Osnabrück.

In Hameln kommt sie bei der Gemeindevorsitzenden Rachel Dohme unter. Die beiden Frauen arbeiten eng zusammen, denn in der 230-Mitglieder-zählenden Gemeinde Hameln gibt es viel zu tun: In der liberalen Gemeinde hofft man auf den Bau einer neuen Synagoge, der Ende 2009 beginnen soll. Wenn Shillor nicht unterwegs ist, kümmert sie sich um ihre andere Gemeinde, die Harlow Jewish Community, in Südengland, in der sie auch lebt. Glücklicherweise ist das nicht weit vom Londoner Außenflughafen Stanstead entfernt. Im Flugzeug bleibt ihr gelegentlich auch ein bisschen Zeit, sich ihrer ersten großen beruflichen Liebe hinzugeben: Dann liest die Rabbinerin mit Interesse Logikbücher. „Aber die Arbeit als Rabbinerin hat natürlich Vorrang."

Johannes Boie