8. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2008 - 21. Adar II 5768

Gegen das Vergessen

Auf dem Flurstück 411 im brandenburgischen Jamlitz vermuten Behörden ein Massengrab mit jüdischen KZ-Häftlingen. Doch der Eigentümer verweigert den Zutritt. Jetzt muss das Landgericht entscheiden

Von André Glasmacher

Der graubraune Putz ist schmuddelig und wasserfleckig. Von den Fensterrahmen des Hauses in Jamlitz im Oberspreewald platzt der Lack ab, die Glasscheiben sind verdreckt, die Gardinen wirken gelblich. Auf dem rostigen Briefkasten steht kein Name, eine Klingel fehlt. Der 51-Jährige Besitzer, lebt schon seit Jahren in Bayern. Sein Jamlitzer Grundstück dient ihm nur noch zu „Erholungszwecken". Dazu steht ihm hinter dem Haus ein weitläufiger „Garten" zur Verfügung: Auf einer versteppten Fläche stehen verkrüppelte Obstbäume, einige windschiefe Kiefern halten sich mühsam im märkischen Sand aufrecht. „Ein Schmuckstück ist das wohl nicht", sagt Bernd Boschan. Der 50-Jährige ist Amtsdirektor der Gemeinde Lieberose. Jamlitz fällt in seinen Verwaltungsbereich. Er zeigt jetzt auf das Grundstück. „Das ist Flurstück 411. Dort haben SS-Leute im Februar 1945 vermutlich 765 zuvor ermordete jüdische Häftlinge verscharrt", erzählt er. Der Verdacht existiert schon seit einigen Jahren, bisher konnte er aber nicht erhärtet werden. Der Besitzer des Flurstücks, verweigert nämlich die Erlaubnis, dort zu graben. „Mal berief er sich darauf, dass durch die Bodenarbeiten der Erholungswert seines Grundstückes gemindert würde. Dann wollte er eine Zusage, dass im Falle eines Totenfundes keine Gedenkstätte eingerichtet wird", berichtet der Amtsdirektor und schüttelt vage den Kopf. „Die kann ich ihm schon von Amts wegen nicht geben." Zunächst machte Boschan aber weitreichende Angebote. „Wenn wir nichts gefunden hätten, hätte ich ihm seinen Garten nach der Grabung genauso wieder hergerichtet wie er war, inklusive Unkraut. Hätten wir die Toten gefunden, dann wäre ihm das Grundstück zu einem großzügigen Preis abgekauft worden, um hier eine würdige Grabstätte anzulegen." Doch der Besitzer, lehnte alle Angebote ab. Deshalb hat Boschan im April 2007 vor dem Landgericht Guben Klage eingereicht. Er will eine richterliche Verfügung, damit auf dem Gelände endlich Fakten geschaffen werden können. Doch die zuständige Richterin lehnte die Klage ab. Dagegen liegt jetzt eine Beschwerde beim Cottbuser Landgericht vor. Zur Zeit berät die Fünfte Zivilkammer über den Fall. Eine Entscheidung wird aber immer wieder verschoben.

Dass sich tatsächlich ein Massengrab auf dem verwahrlosten Grundstück befinden könnte, ist zumindest plausibel. Denn das Haus, ebenso wie die gesamte Siedlung, stehen auf einem ehemaligen Außenlager des KZ Sachsenhausen. Das Außenlager besaß eine direkte Bahnverbindung nach Auschwitz, wo osteuropäische Juden zur Zwangsarbeit abkommandiert wurden. Zwischen 1943 und 1945 waren in Jamlitz etwa 8000 Häftlinge interniert. Sie mussten in der Lieberoser Heide einen Truppenübungsplatz für die SS anlegen, der nie fertiggestellt wurde. Dort, wo heute gepflegte Bungalows und Rosenstöcke stehen, wo sich akkurat geharkte Wege um Gartenzwerge schlängeln, standen einst die Holzbaracken der KZHäftlinge. Im Frühjahr 1945 wurde das Lager überstürzt aufgelöst, die Rote Armee rückte näher. Die marschfähigen Häftlinge, etwa 1600 Männer, mussten sich auf einen 100 Kilometer langen Todesmarsch in Richtung Sachsenhausen begeben. Etwa 1342 Kranke und Geschwächte blieben im Lager zurück. Unmittelbar nach dem Abmarsch der Häftlingskolonne begann die SS mit ihrer Ermordung.

Zu DDR-Zeiten wurde die Lager-Geschichte verdrängt. Dabei lagen den sowjetischen Militärbehörden schon 1945 Hinweise auf das Verbrechen vor. Für deren Aufklärung hätten die Sowjets aber auf dem Gelände des einstigen KZs graben müssen, das sie bis 1947 als „Speziallager Nr. 6" nutzten. Neben NS-Verbrechern wurden hier auch Unschuldige inhaftiert. Nach dem Ende des Speziallagers wurden die Baracken abgerissen, Vertriebene ließen sich auf dem Areal nieder, errichteten Häuser. Eine richtige Suche nach den KZ-Opfern beginnt erst im November 1970. Ehemalige Häftlinge des KZ Sachsenhausen fahren nach Jamlitz, um zu erkunden, ob man hier eine Gedenkstätte einrichten könnte. Sie stoßen auf ein Gerücht: In der Gegend, vielleicht sogar auf dem Gelände des Außenlagers, gebe es ein Massengrab. Die Behörden „erinnern" sich jetzt, dass 1959 in einer alten Kiesgrube, die zwei Kilometer von Jamlitz entfernt ist, 12 Skelette freigelegt worden sind. Dort wird erneut gegraben. Schon bald werden Hunderte von Skeletten gefunden. Insgesamt sind es 577. Einschusslöcher an den Hinterköpfen und Reste gestreifter KZ-Kleidung zeigen, dass es die ermordeten Häftlinge sind. Auch persönliche Gegenstände kommen zutage. So fand man ein Kästchen mit Davidstern und der Inschrift „Emlek", Ungarisch für Erinnerung. Ein anderes Opfer trug einen kleinen rostzerfressenen Anhänger mit dem Schma Israel. Die Grabungen sind durch zahlreiche Fotos dokumentiert.

Nach dem Krieg habe man in Jamlitz nicht mehr an das KZ erinnert werden wollen. „Die Baracken kamen weg, auf dem Gelände haben sich dann Übersiedler niedergelassen. Die waren froh, dass sie etwas bekommen haben.

In Sichtweite von 13 Informationstafeln über ein Anfang 1945 verübtes Massaker befindet sich das Flurstück 411. Auf diesem Gelände könnten NS-Mörder jüdische Opfer verscharrt haben.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 8 vom 21.2.2008