8. Jahrgang Nr. 3 / 28. März 2008 - 21. Adar II 5768

Zu Gast bei Freunden

Bundeskanzlerin Angela Merkel reiste nach Israel, um zum 60. Jahrestag zu gratulieren und um ihre tiefe Verbundenheit mit dem Land zum Ausdruck zu bringen

Zukunft 8. Jahrgang Nr. 3
Zukunft 8. Jahrgang Nr. 3

Bundeskanzlerin Angela Merkel fand bei ihrer Rede vor der Knesset die richtigen Worte: Sie sprach von der großen Verbundenheit mit Israel und der besonderen Verpflichtung, die die Deutschen gegenüber dem Land haben. Foto: dpa

Diese Israel-Reise der Kanzlerin Mitte März hatte schon vor der Knesset-Rede viele markante Stationen: gleich nach der Landung der Besuch am Grab von Staatsgründer David Ben Gurion, Tags darauf, nach dem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem, die ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen und schließlich die Unterzeichnung einer umfassenden Kooperationsvereinbarung. Damit werde «ein neues Kapitel in der Geschichte der Beziehungen unserer beiden Staaten aufgeschlagen» und auf eine breitere Grundlage gestellt, so Merkel. Die Kanzlerin und der israelische Ministerpräsident Olmert vereinbarten eine vertiefte Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen. Konkret soll noch in diesem Jahr das deutsch-Israelische Zukunftsforum gegründet werden. Es soll ein Multiplikatorennetzwerk junger Menschen aus beiden Ländern aufbauen und zukunftsorientierte Projekte in den Bereichen Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien fördern.

Während des umfangreichen und dicht gedrängten Programms des dreitätigen Staatsbesuches war Angela Merkel anzumerken, dass für sie der Auftritt im israelischen Parlament zum Abschluss des Besuchs der eigentliche Höhepunkt war. Die Reise zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels konnte für sie nur dann ein Erfolg sein, wenn auch dieser Schlussstein gelingt.

Langsam betritt Merkel den Saal. Ihr wird ein Sessel neben der Parlamentspräsidentin Dalia Izik zugewiesen. Sie verfolgt bewegt, wie die Parlamentarier in der Sondersitzung die israelische Nationalhymne singen und wirkt berührt in diesem Moment. Nach den Reden von israelischer Seite sind ihre ersten Worte «Frau Präsidentin, ich danke, hier zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich empfinde dies als große Ehre.» Sie spricht sie auf Hebräisch. Die Abgeordneten klatschen, was sonst in dem Haus nicht üblich ist. Sie dankt, danach auf Deutsch reden zu dürfen. Zuvor hat der nationalistische Abgeordnete Ariel Eldad den Saal verlassen, andere Abgeordnete sind gar nicht erst gekommen. Es ist aber die Minderheit.

Merkel hatte sich lange mit der Rede beschäftigt. Dass sie der erste ausländische Regierungschef sein sollte, der von der Knesset zu einer Rede eingeladen war, empfand sie als Herausforderung. Zu Beginn erinnert Merkel an den Holocaust, und nennt ihn «die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte». Ihre Rede unterscheidet sich von denen der Bundespräsidenten Johannes Rau und Horst Köhler, die vor der Knesset 2000 und 2005 als erste deutsche Politiker gesprochen hatten. Rau hatte vor allem das Bekenntnis abgelegt, dass Deutschland zu seiner Geschichte stehe: «Es gibt kein Leben ohne Erinnerung.» Köhler hatte von einer Zukunftspartnerschaft gesprochen.

Daran knüpft Merkel an. Auch ihr Blick gilt vor allem der Gegenwart und der Zukunft. «Erinnerung muss sich immer wieder neu bewähren. Aus Gedanken müssen Worte werden. Und aus Worten Taten.» Sie entwickelt die Vision einer engen Partnerschaft zwischen Deutschland und Israel. Sie bekräftigt ihr Bekenntnis zum Eintreten für die Sicherheit Israels auch gegen eine mögliche Bedrohung durch iranische Atombomben. Die Sicherheit sei für sie nicht verhandelbar, sagt sie. Die eigentliche Überraschung der Rede ist jedoch, wie direkt sie Israelis und Palästinenser zum Kompromiss in den Friedensverhandlungen aufruft. «Es bedarf der Kraft auch zu schmerzlichen Zugeständnissen.» So deutlich ist ein deutscher Politiker selten geworden. Es ist an diesem Tag ein Wagnis. Am Ende schienen die Abgeordneten zufrieden mit der Verbündeten aus Deutschland, sie erhoben sich von ihren Plätzen und applaudierten herzlich. Zum Schluss hatte sie Israel auf Hebräisch gratuliert. Ihr letztes Wort war Schalom.

Die Kanzlerin kam in Israel gut an. Mit Ministerpräsident Ehud Olmert hat sie ein Vertrauensverhältnis. Aber auch der Holocaust-Überlebende und Journalist Noah Klieger ist überzeugt, Merkel sei «ohne Zweifel eine andere Deutsche». Sie sei nach dem Holocaust geboren und trage keinerlei Schuld «an den Verbrechen der Generation ihrer Eltern und Großeltern». Merkel sei «unter den wenigen Führungspersönlichkeiten auf der Welt, die Verständnis für die komplexe Situation Israels und seine existenzielle Bedrohung haben». Anderer Kommentatoren sprachen davon, Merkel habe die Israelis umarmt. Das tut den Israelis gut. Die Zahl ihrer Todfeinde hat sich zwar in den vergangenen Jahren reduziert, nicht aber die Gefahren für das Land, insbesondere durch den Iran.

Auch Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch lobte die Ansprache der Kanzlerin. «Angela Merkel hat sich auf beeindruckende Weise zur historischen Verantwortung Deutschlands bekannt und mit großer Glaubwürdigkeit deutlich gemacht, dass die Sicherheit Israels für sie als deutsche Bundeskanzlerin nicht verhandelbar ist.» Knobloch, die den Besuch Merkels in Israel begleitet hatte, würdigte «die historische Dimension der Ansprache». Merkel habe ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen Israel und Deutschland aufgeschlagen und sei eine «echte Freundin» Israels.

zu/ dpa