4. Jahrgang Nr. 10 / 29. Okotober 2004 - 14. Cheschwan 5765

„Die Synagoge kennt hier jeder!”

Im „Portrait“: die Jüdische Gemeinde Mannheim, die mit ihren 600 Mitgliedern eine große Offenheit lebt

Von Irina Leytus

„Na klar weiß ich, wo die Synagoge ist. Die kennt in Mannheim jeder!“ antwortet Taxifahrer Frank fast beleidigt auf meine Frage, ob ich lieber die Adresse meines Fahrtziels in der zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs suchen soll. Das ist ungewöhnlich. Aber auch die Anschrift der Synagoge ist ungewöhnlich: F 3, 4. Diese Bezeichnung hat nichts mit der Synagoge direkt zu tun: Die Mannheimer entschieden sich, die historische Stadtstruktur und die entsprechenden Straßenbezeichnungen aus dem 18. Jahrhundert bei zu behalten. Demnach wurden die Straßen, die eine senkrechte und parallele Linie zur Front des königlichen Schlosses bilden, in durchnummerierte Quadrate aufgeteilt. Kenner dieser Struktur entnehmen der Synagogen-Adresse sofort: Sie liegt auf einem recht „privilegierten“ Pflaster im Zentrum der Altstadt, dicht am Marktplatz und gleich um die Ecke des Gebäudes, in dem Wolfgang Amadeus Mozart wohnte, als er den Mannheimer Kurfürsten-Kindern Musik beibrachte.

Der prächtige Synagogen-Bau, der übrigens auch eine quadratische Form hat und durch seine hohen Fenster und eine zentrale Kuppel an die große Synagoge in Jerusalem erinnert, stammt von dem Architekten Karl Schmucker. Das Gebäude, das im Jahre 1987 eingeweiht wurde, vermittelt souveräne Präsenz. Außer der Synagoge selbst mit 380 Plätzen sind im Gebäude die Fest- und Veranstaltungsräume der Gemeinde untergebracht. Und diese werden nicht nur für interne Veranstaltungen genutzt. „Neulich fand hier die Verabschiedung eines Polizeidirektors statt, zuvor tagte die Liga der Wohlfahrtsverbände, und die Festräume mietet auch schon mal eine türkische Hochzeitsgesellschaft“, erzählt die Geschäftsführende Vorsitzende der Gemeinde Orna Marhöfer und fügt hinzu, dass diese Offenheit und der rege Austausch zwischen der jüdischen Gemeinschaft und ihrer nicht-jüdischen Umgebung ganz der Mannheimer Tradition entspräche.

Die Diplom-Sozialpädagogin ist seit 15 Jahren im Vorstand, seit zwei Jahren teilt sie sich den Vorsitz mit David Kessler. „Insgesamt sind wir fünf Vorstandsmitglieder, die auch von Mitgliedern außerhalb der Gremien kräftig unterstützt werden.“ Wie viele der 600 Gemeindemitglieder Neueinwanderer sind, mag Marhöfer nicht rein numerisch beantworten: „Wir wollen alle zusammenwachsen, wir alle – ob aus Nordafrika, Russland oder Westeuropa stammend - pflegen jüdische Kultur.“ Und das Angebot der Gemeinde ist breit gefächert, zumal es in der Umgebung keine weitere Synagoge gibt. Die Palette reicht vom Religionsunterricht für Jugendliche, über eine große Bibliothek und eine Mikwe bis zum Maccabi-Verein mit eigener Sporthalle. Da „Gäste“ jederzeit willkommen sind, überrascht es nicht, dass jeder in Mannheim die jüdische Gemeinde kennt und positiv wahrnimmt.