8. Jahrgang Nr. 2 / 29. Februar 2008 - 23. Adar I 5768

Viel Wärme und Zuwendung

Traditionell-jüdische Erziehung wird in den Gemeinde-Kitas groß geschrieben – ein Überblick

Von Irina Leytus

„Kinder sind unsere Zukunft. Das Lernen von Kindern hat höchste Priorität. Sogar in Talmud steht, dass wenn der Tempel gebaut wird, die Kinder nicht dabei helfen, stattdessen lieber lernen sollen", antwortet der Berliner Gemeinderabbiner, Yitshak Ehrenberg, auf die Frage nach der Bedeutung von jüdischen Kindertagestätten. Wenn es nach ihm ginge, müsste jede Jüdische Gemeinde eine eigene Kita haben: mit einer herzlichen Betreuung, koscherem Essen und traditionell-jüdischer Erziehung.

In der Tat bieten zahlreiche große jüdischen Gemeinden in Deutschland in eigenen Kindertagestätten (Kita) Kinderbetreuung an. In Düsseldorf betreuen 13 Erzieherinnen etwa 100 Kinder, in Stuttgart, Köln und Bremen jeweils ca. 60 Kinder, in Dortmund und Offenbach sind es jeweils etwa 40 Kinder. In München werden von den insgesamt etwas über 9000 Gemeindemitgliedern 120 Kinder versorgt. In Frankfurt am Main gibt es zwei Tagesstätte der Einheitsgemeinde, die 7000 Mitglieder zählt und insgesamt 140 Kinder betreut. In Dresden und Leipzig hat sich die Jüdische Gemeinde mit Chabbad-Lubawitsch zusammengetan, um eine jüdische Gruppen in einem öffentlichen Kindergarten zu etablieren.

Ein positives Beispiel einer gelungenen Kooperation von öffentlicher Hand und Gemeinde kommt aus Niedersachen: 20 Kinder der liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover besuchen regelmäßig die Gemeinde-Kita „Tamar" (hebräisch - Dattelpalme), die wie die meisten jüdischen Kitas, von der Stadtverwaltung mitfinanziert wird. Der Name „Tamar" gefällt dem Vater einer kleinen jüdischen Kita-Besucherin: „Meine Tochter ist wie eine zarte Pflanze, die hier viel Wärme und Zuwendung bekommt". Für den Stellenwert, den die Kita für die junge Gemeinde hat spricht, dass die Kita-Räume im neuen Gemeindezentrum als erstes renoviert worden sind und die kleinen Gemeindemitglieder bereits vor einem halben Jahr ihr neues „Zuhause" bezogen haben. Lange vor Einweihung der Synagoge und Gemeindehaus – die ziehen erst im Oktober um.

Es überrascht wenig, dass die größte jüdische Kindertagesstätte in der Bundesrepublik auch von der größten jüdischen Gemeinde mit ihren insgesamt 12.000 Mitgliedern betrieben wird: Im Berliner Stadtteil Wilmersdorf werden knapp 200 Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren betreut. Diese Einrichtung ist nicht nur die größte, sondern auch die älteste ihrer Art: „Am 9. Dezember 1946 waren 17 Kinder in der Obhut von ehrenamtlichen Kindergärtnerinnen der jüdischen Gemeinde. Die Kinder sind dort den ganzen Tag untergebracht, und erhalten zusätzliche Verpflegung" schrieb die „Zeitschrift für Fragen des Judentums: Der Weg". Die erste fest angestellte Berliner Kindergärtnerin war Inge Levy, die zuvor im Kindergarten des DP-Camps Schlachtensee am südwestlichen Rand von Berlin gearbeitet hat. Selbst erst 17 Jahre alt musste sie sich um die großen seelischen Wunden der jüngsten Gemeindemitglieder kümmern. Inzwischen hat sich in Berlin viel geändert, die ursprünglichen Sorgen und Nöte sind zeitgenössischen Erziehungsproblemen mit jüdischem Touch gewichen. Heute wird in Berlin viel Wert auf abwechslungsreiches – selbstverständlich – koscheres Essen gelegt, zur Schabbat-Feier am Freitagvormittag gibt es natürlich Süßigkeiten, die kleine „Schabbat- Mama" zündet und segnet die Kerzen, der Nachwuchs-Schabbat-Papa spricht die Bracha für den „Wein", der natürlich nur Traubensaft ist. Jüdische Tradition wird nicht nur „unterrichtet", sie wird hier gelebt. Allen Kindern wird Hebräischunterricht angeboten, zwei qualifizierte Pädagogen sind für den Deutsch- bzw. Sprachförderunterricht zuständig, viel Musik, Sport und für größere Kinder sogar Yoga stehen auf dem Programm.

Die Umgangssprache in der KiTa ist Deutsch, anders ginge es auch nicht bei der multikulturellen Vielfalt der Elternhäuser: Die meisten sind - in der ersten oder zweiten Generation - Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, dann gibt es Familien, die aus den USA, Israel, Polen, Frankreich oder Spanien stammen. Die Berliner Kita hat ein besonderes Betreuungsangebot, sie schließt zwar „zwangläufig" während der Pessach-Woche, dafür macht sie im Sommer aber nur für eine Woche ihre Türen komplett zu. Dann stehen für die Erzieher Fortbildung und Projektarbeit auf dem Programm. Für das Jahr 2009 ist eine Qualitätsqualifizierung geplant. Aber das wichtigste Qualitätssiegel gibt es seit Jahren von den Kindern, die gerne in ihre Kita gehen und morgens beim Abschied entschieden darum bitten: „Mama, hol mich nicht zu früh ab, versprochen?"