8. Jahrgang Nr. 2 / 29. Februar 2008 - 23. Adar I 5768

Antisemitismus von Rechts und Links

Nicht nur Rechte, auch Anhänger linker Gruppen und Ideologien können antisemitisch eingestellt sein – eine Bestandsaufnahme

Von Johannes Boie

Selbst Medienprofis waren im Januar verwirrt: „ Rechte Punks hetzen Hund auf jüdische Schüler" titelte beispielsweise die Netzeitung. Richtig war, dass Punks in Berlin-Mitte jüdische Schüler angegriffen haben – aber macht sie das zu „rechten" Punks? Ist automatisch jeder, der antisemitische, israelfeindliche oder antizionistische Meinungen hat, rechts? Dieser Rückschluss liegt nahe, schließlich sind die Rechten vor allem bekannt für Intoleranz und Ausländerhass. Und auch das größte Verbrechen der Menschheit, der Holocaust, wurde von Faschisten entwickelt und konsequent umgesetzt – und eben nicht von Kommunisten. Gleichwohl gilt: Auch in der Linken-Szene gibt es eine starke, antisemitische Strömung. Und jene kriminellen Punks – wie etwa die eingangs erwähnten -, die gemeinhin eher alkoholisiert als politisiert sind, begreifen sich selber als Teil des linken Spektrums.

Sie sehen sich in der Tradition linker Terrorgruppen, wie der RAF, die vor 40 Jahren aktiv war und Deutschland terrorisierte. RAF-Mitglieder pflegten Kontakte zur PLO. Ein beliebter Rückzugsort der Gruppe war Bagdad. Der bisherige Spiegel-Chefredakteur und ausgewiesene RAF-Experte, Stefan Aust, verhinderte damals, dass die kleinen Töchter der Terroristin Ulrike Meinhof in ein PLO-Camp gesteckt wurden. Noch vor der RAF zeigte bereits die linksradikale Gruppe Tupamaros West-Berlin die hässliche Fratze des Judenhasses. Gruppenmitglied Albert Fichter legte ausgerechnet am 9. November 1969 eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus in Berlin. Sieben Jahre später entführten Palästinenser und linksradikale deutsche Terroristen ein Air- France-Flugzeug nach Entebbe in Uganda, wo der Deutsche Wilfried Böse – ausgebildet im Jemen – jüdische Passagiere „selektiert". Selten waren linke Täter den Faschisten des dritten Reiches so nah in Bezug auf die Widerwärtigkeit ihrer Taten. Die israelische Armee beendete die schreckliche Entführung in einer heldenhaften Kommandoaktion.

Die Liste weiterer antisemitischer Gewaltakte der bundesrepublikanischen Linken ist lang. Und noch heute wirkt ihre Propaganda in unselbstständigen Wirrköpfen fort. So etwa der irre, aber viel gehörte Glaube, Israel behandele „die Palästinenser so wie Hitler die Juden". Allerdings gibt es innerhalb der Linken auch Splittergruppen, zum Beispiel die so genannte antideutsche Fraktion. Sie stellt sich trotz linker Grundwerte explizit auf die Seite Israels und der USA.

Der Nachwuchs lässt hoffen und verzweifeln zugleich. Die SPD-Nachwuchspolitikerin Franziska Drohsel jedenfalls, die harsch wegen der Mitgliedschaft in einer linksradikalen Organisation kritisiert wurde, ist israel-freundlich. Aber in den Clubs links orientierter Jugendlicher, erlebt das Palästinensertuch - ein bis heute politisiertes Symbol der Verbundenheit mit antiisraelischem Terrorismus - ein unerfreuliches Revival. Offen bleibt, ob dies Ausdruck einer Gesinnung oder doch nur ein modisches Accessoires ist.