8. Jahrgang Nr. 1 / 25. Januar 2008 - 17. Schwat 5768

Goldene Skyline und Wachtürme

Das Jüdische Museum Berlin zeigt beeindruckende Foto- und Videoausstellung über Israel

Israel lässt sich einerseits als wunderschöne Bibellandschaft, als „gelobtes Land", oder aber als unwirtliches Schlachtfeld präsentieren – diese beiden konträren Blickwinckel präsentiert eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, die unter dem Titel Betrifft: Israel Fotos und Videos von 22 israelischen und nichtisraelischen Künstlern über den Alltag im heiligen Land zeigt: Während einige Bilder das Alltagsleben „in einer Atmosphäre ständiger politischer Spannung und Gefahr" zeigen, haben andere Künstler einen milderen, vielleicht naiveren Blick auf das Land.

Die Schau wurde vom Jüdischen Museum New York zusammengestellt und dort auch zunächst gezeigt. Berlin ist nun die erste Station der sehenswerten Ausstellung auf ihrer Europareise. Den Kuratoren ging es mit ihrem Projekt um eine künstlerische „Sozialreportage". Neben bekannten israelischen Fotografen wie Yael Bartana sind auch deutsche Künstler - Wim Wenders und Wolfgang Tillmans - vertreten.

Während Tillmans mit seiner Arbeit „Aufsicht (yellow)" von 1991 sehr vorteilhafte, „güldene" Postkartenansichten von Tel Aviv präsentiert, nimmt Wenders „Jerusalem vom Ölberg aus gesehen" in den Blick und zeigt den heiligen Ort mit achtlos im Tal zurück gelassenem Müll im Bildvordergrund. Auch amerikanische, britische und niederländische Fotokünstler wurden um ihre meist kritische Sicht auf die israelische Realität gebeten. Dabei wird unweigerlich auch die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern thematisiert. Fotografen und Videokünstler gehörten schließlich zu den ersten, die auf Ereignisse wie etwa die Zweite Intifada reagierten. Ihre Bilddokumente vermitteln die hohen „alltäglichen Belastungen einer Gesellschaft, deren gesellschaftliches Fundament auf einem utopischen Staatsmodell errichtet wurde", wie der Ausstellungskatalog es formuliert.
Zu den eindringlichsten der 56 Fotografien und fünf Videoarbeiten, die in der Ausstellung versammelt sind, gehört Rineke Dijkstras einfaches Doppel-Porträt einer jungen Israelin, einmal in zivil und einmal in der Uniform der israelischen Luftwaffe mit ernstem Blick. Auch die Mauer zwischen dem jüdischen Siedlungsgebiet und der Westbank wird in ihrer ganzen Absurdität abgelichtet: in den Videos der Britin Catherine Yass und den Fotos von der Palästinenserin und Wahl-Berlinerin Noel Jabbour. In dieser Arbeit wirkt sie weniger als Schutzwall vor Terrorismus, sondern vielmehr als unmenschliche Drohgebärde.

Selbst die auf den ersten Blick arglosen, fast idyllischen Blicke auf den Mittelmeerstrand sind nicht ohne politische Brisanz. Der israelische Künstler Guy Raz fotografierte sehr ähnlich aussehende Strandwächterhäuschen – allerdings mit unterschiedlichen Flaggen auf den Dächern: Während die am Strand von Tel Aviv an „Baywatch" in Kalifornien erinnern, sind die palästinensischen Türme am Strand von Gaza in Wahrheit wehrhafte Wachtürme. Noch unheimlicher ist das Foto von Gilian Laub, das ein schönes junges israelisches Liebespaar in der Wüste zeigt. Es heisst „Guy and Ranit". Erst auf den dritten Blick bemerkt man, dass Guy beide Beine amputiert wurden. Sein Jeep war auf eine starke Straßenbombe gefahren. Guy erzählt im Beitext, dass sein drusischer Freund Louie am selben Tag wie er – aber an einem anderen Ort - verwundet wurde. Nur: „Seine Beine mussten schon oberhalb des Knies amputiert werden".

Bis zum 24. Februar 2008, täglich von 10 bis 20 Uhr, Mo. bis 22 Uhr.
Der
englischsprachige Katalog kostet 29,90 Euro. Herausgegeben von Susan Tumarkin Goodman, 120 Seiten, 23 s/w 83 farbige Abb. Yale University Press (deutsche Übersetzungen der drei Essays sind beigelegt)

Jüdisches Museum Berlin, Eintritt: 4 Euro; www.jmberlin.de/betrifftisrael

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