7. Jahrgang Nr. 12 / 21. Dezember 2007 - 12. Tewet 5768

„Wo ein Haus ist, ist Heimat"

Fast 70 Jahre nach der Zerstörung: Neue Synagoge in Bochum mit viel Prominenz feierlich eingeweiht

Bei strahlendem Sonnenschein und begleitet vom Geläut der christlichen Kirchen wurde am 16. Dezember die neue Synagoge in Bochum eingeweiht. Der Festakt begann mit dem Einzug der Thorarollen, dem sich viele nicht-jüdische Menschen anschlossen. Unter Führung von Kantor Igal Behm ging es singend und tanzend vom Standort der früheren, zerstörten Bochumer Synagoge in das Zentrum der wieder lebendigen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen.

Im Inneren des Hauses eröffnete Alfred Salomon, 88 Jahre alt, Überlebender von Auschwitz und Ehrenmitglied der Gemeinde die Feierlichkeiten. Vor 500 geladenen Gästen, darunter Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Bundestagspräsident Norbert Lammert, erklärte er sichtlich bewegt: „Wir danken allen, die uns bei der Umsetzung unserer großen Träume geholfen haben." Auch Gregorij Rabinovic, Vorsitzender der Gemeinde, betonte die vielfältige Unterstützung, nicht zuletzt aus den Reihen der Bochumer Bürgerschaft, die zur Schaffung des neuen Gebets- und Versammlungszentrums beitrug. „Unsere Kinder sollen den Raum mit Leben erfüllen", versprach er und übernahm unter lang anhaltendem Beifall die symbolische Schlüsselgewalt über das Gemeindezentrum.

In die Freude über das gelungene Werk mischten sich aber auch ernste Töne. Neben Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, die an die leidvolle Geschichte der jüdischen Gemeinde in der Stadt erinnerte, kamen sie in erster Linie von Charlotte Knobloch. Am Beispiel jüngster antisemitischer Gewalttaten machte die Präsidentin des Zentralrats deutlich, welchen Bedrohungen jüdisches Leben in Deutschland heute ausgesetzt ist. Zugleich erklärte sie: „Wir sind hier. Und wir werden hier bleiben." Ihren Worten entspricht der Leitspruch der Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen „Wo ein Haus ist, ist Heimat".

In nur zwei Jahren wurde das neue Bochumer Gemeindezentrum fertig gestellt. Der Gebetsraum ist in einem sechzehn Meter hohen Kubus untergebracht. Die Außenfassade des imposanten Bauwerks schmücken weithin sichtbar aus verschieden farbigem Kalkstein zusammengesetzte Davidsterne. Im Innenraum ist eine goldgelbe Kuppel eingehängt, die sich wie ein Baldachin über den Sakralbereich spannt. Dieser ist durch ein großzügiges Foyer mit dem Gemeindesaal verbunden. Zusammen finden hier bis zu 600 Personen Platz. Weitere Räumlichkeiten für die Verwaltungsarbeit, Jugendgruppen, Sprachkurse und den Betrieb eines Cafes schließen sich in drei Nebengebäuden an.

Noch ist nicht alles fertig eingerichtet, der Umzug nur in Teilen geschafft. Und die Gemeinde sucht noch einen eigenen Rabbiner. Doch der Freude über ihr neues Haus tut dies keinen Abbruch. Zumal sie sich bislang mit einer Unterkunft am Stadtrand bescheiden musste, die den Bedürfnissen ihrer Mitglieder von jeher wenig entsprach. Seit deren Zahl binnen weniger Jahren von 50 auf 1200 rasant gestiegen ist, wie anderorts vor allem durch Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, platzte das bisherige Domizil der Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen aus allen Nähten.

Die neue Synagoge im Zentrum der Stadt, unweit des Platzes, an dem in der Pogromnacht 1938 Bochums frühere Hauptsynagoge nieder gebrannt wurde. Das 4000 Quadratmeter große Grundstück stellte die Stadt. Ein weiteres Drittel des insgesamt sieben Millionen teuren Projekts übernahm das Land Nordrhein-Westfalen. Rund 2,2 Millionen Euro brachte die Gemeinde aus eigenen Mitteln, über die Aufnahme eines Kredits und Dank zahlreicher Spenden auf. Der „Freundeskreis Bochumer Synagoge e.V." trug hierzu maßgeblich bei. Sein langjähriges Engagement schuf neben finanzieller vor allem auch ideelle Unterstützung für die Schaffung des neuen jüdischen Zentrums.

Dank zu sagen ist ebenfalls den 24 Bochumer Richtern und Richterinnen, die - als NPD und „freie Kameradschaften" mit der Parole „Stoppt den Synagogenbau" durch die Stadt ziehen wollten – öffentlich erklärten: „Diese Demonstration richtet sich nicht nur gegen die Glaubenfreiheit der Jüdischen Gemeinde. Sie würde zugleich einen späten Versuch der Wiedergutmachung für die Verbrechen verhöhnen, die unsere Vorfahren an Juden begangen oder hingenommen haben." Ihre Aufsehen erregende Initiative konnte zwar nicht den Bescheid des Bundesverfassungsgerichts verhindern, wonach die Losung „Keine Steuergelder für den Synagogenbau" bis heute als von der Meinungsfreiheit gedeckt gilt. Trotzdem gibt der „Testfall Bochum", wie Ralph Giordano die Auseinandersetzung um den Bau der Synagoge nannte, Anlass zu Mut und Hoffung. Denn ungeachtet der Schatten der Vergangenheit hat sich spätestens mit Eröffnung der neuen Synagoge gezeigt: Die jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen ist im Herzen der Stadt und ihrer Bürgerschaft angekommen.