7. Jahrgang Nr. 12 / 21. Dezember 2007 - 12. Tewet 5768

„Wir sind ganz eng zusammen"

Gemeinde im Portrait: Die neue Synagoge präsentiert eine neue Ära im Gemeindeleben Dresdener Juden

Von Maria Levi

Sie ist inzwischen schon fast so etwas wie ein modernes Wahrzeichen geworden: die neue Synagoge in Dresden, die 2002 als beste europäische Architektur ausgezeichnet wurde. Entworfen und gebaut wurde sie vom Architekturbüro Wandel Hoefer Lorch+Hirsch aus Saabrücken, die auch verantwortlich für Bau und Entwurf der neuen Synagoge München „Ohel Jakob" sind.

Stark zerstört im Zweiten Weltkrieg und zu DDR-Zeiten nicht wieder vollständig rekonstruiert, hat sich die Regierung entschieden, bei der Sanierung der sächsischen Hauptstadt den Weg des historischen Wiederaufbaus einzuschlagen - Paradebeispiel dafür ist der kostspielige und minuziöse Wiederaufbau der berühmten Frauenkirche. Jüdische Leben in Dresden spielte bereits im 19. Jahrhundert eine große Rolle, das beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass die Dresdener Synagoge von dem bedeutenden Dresdener Barock- Architekten Gottfried Semper – ebenfalls Baumeister der weltbekannten Dresdener Semper-Oper – entworfen und gebaut worden ist und im Jahre 1840 als großes Zeichen der Emanzipation und Gleichstellung der Juden in Dresden eingeweiht wurde. Knapp 100 Jahre später, in der Pogromnacht 1938, wurde die Synagoge dann völlig zerstört. Nach der Wende, in den neunziger Jahren, entstanden schließlich erste Pläne zum Wiederaufbau des Gebäudes auf dem alten Grundstück im barocken Zentrum der Stadt. Doch es sollte nicht altes wieder entstehen, sondern vielmehr etwas Neues – in Anlehnung an das wieder-entstehende jüdische Leben in Dresden.

Gemeinde-Geschäftsführer und Präsidiumsmitglied des Zentralrats, Heinz-Joachim Aris, der 1934 in Dresden geboren wurde und der alle Höhen und Tiefen der Geschichte der Dresdener Juden im und nach dem Holocaust miterlebt hat, betont: „Wir haben uns bewusst für einen modernen Zweckbau entschieden, der völlig anders ist als die alte Semper-Synagoge. Uns ist wohl bewusst, dass das moderne Haus so manchem Dresdener missfällt. Andererseits ist das Interesse an diesem ungewöhnlichen Gebäude enorm. Seit der Einweihung im November 2001 hatten wir mehr als 120.000 Besucher."

Das jüdische Leben in Dresden war zwischen dem Krieg und der Zuwanderungswelle Anfang der neunziger Jahre nicht völlig zum Erliegen gekommen, so wie in anderen Städten in den neuen Bundesländern. Ganz im Gegenteil: Bereits 1950 fanden in der Synagoge auf dem jüdischen Friedhof wieder Gottesdienste statt. Zur Wende 1989 hatte die Dresdener Gemeinde 61, meist ältere Mitglieder. Inzwischen ist sie mit ihren mehr 700 Gemeindemitgliedern einer der größten in Deutschland. Und sie ist sehr vital. Zahlreiche Kultur- und Sportgruppen, Religionsunterricht sowie andere Aktivitäten werden den Gemeindemitgliedern angeboten und von ihnen mitgestaltet. Die Gemeinde tut viel, um jüdische Leben allen Interessierten nahe zu bringen, denn das Gemeindezentrum wird als offenes Haus verstanden. Darüber hinaus arbeitet in der Gemeinde der Klub Amcha (hebr. „Volk"), der die Geschichten einzelner Gemeindemitglieder, sowohl der alt eingesessenen als auch der Zuwanderer, kennen lernen will, um ein besseres Verständnis untereinander zu erreichen.

Als Auftakt für diese interne Dokumentation bietet sich zum Beispiel das Leben des „waschechten" Dresdeners, Heinz-Joachim Aris, an: Im Alter von fünf Jahren bekam er bereits die Kennkarte „J" mit seinem „neuen" Namen „Heinz-Joachim Israel Aris". Am 16. Februar 1945 sollten er, seine Familie und die letzten 230 Dresdener Juden deportiert werden. Die Luftangriffe der Alliierten verhinderten dies allerdings wie durch ein Wunder. Aris erzählt seine Geschichte ganz ohne Pathos: „Am 7. Mai 1945 wurde ich elf Jahre alt und die Befreiung durch die sowjetische Armee war damals mein schönstes Geburtstagsgeschenk." Aus dieser Erfahrung heraus, reagiert er auch besonders heftig auf die aktuelle Diskussion zum Thema „Bombenkrieg": „Diese subtile Wandlung von der Täter- in die Opferrolle finde ich furchtbar. Das Leid der Dresdener Menschen im Krieg war groß, aber sie waren in erster Linie Opfer ihres „geliebten" Führers und nicht der Alliierten! Und außer den schmucken Gebäuden gab es in Dresden vor allem viel Rüstungsindustrie!"

Bis zur Wende arbeitete der diplomierte Ökonom in der Dresdener Elektroindustrie. Nach dem Vorruhestand übernahm er den Posten des Geschäftführers in der Dresdner Gemeinde und ist seit 2002 Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden. Aris betont: „Wir in Sachsen arbeiten eng zusammen. So sind die Gemeindevorsitzende aus Chemnitz, Dr. Ruth Röcher, die als Religionslehrerin in drei sächsischen Gemeinden tätig ist, die Dresdener Vorsitzende Dr. Nora Goldenbogen sowie Küf Kaufmann, der die größte sächsische Gemeinde in Leipzig leitet, und ich ganz nah beisammen!"