7. Jahrgang Nr. 12 / 21. Dezember 2007 - 12. Tewet 5768

Stationen einer Rabbiner-Karriere

Rabbiner im Portrait: Rabbiner Brandt kommt aus München – heute arbeitet er in Augsburg

Vor 80 Jahren war in München die Welt in Ordnung. Henry Brandt wird in ein zufriedenes und freundliches Elternhaus hineingeboren: Der Vater ist Schuhverkäufer mit eigenem Geschäft; gemeinsam geht die Familie regelmäßig in die Synagoge, man gehört zur liberalen Gemeinde der Herzog-Max-Straße. Der kleine Henry hat noch einen älteren Bruder Edgar, der sich später Eli nennen wird. Die Jungen absolvieren die Volksschule, gehen im Anschluss zusammen auf die Realschule. Im Sommer fährt man raus zum Urlaub an den Starnberger See. Der Schock der Pogromnacht am 9. November 1938 wiegt schwer für die Brandts - plötzlich kommt er aber nicht. Warum? „Man wurde schon früher ab und an in der Schule angepöbelt", erinnert sich Henry Brandt heute. Doch unmittelbar danach wird der Vater nach Dachau deportiert, das Schuhgeschäft „arisiert", also gezwungenermaßen abgegeben. Zum Glück haben die Eltern viele nichtjüdische Bekannte, von denen sich einige für die beliebte Familie einsetzen. „Und als Kind", sagt Brandt, „ist man widerstandsfähig." Nach der Pogromnacht sei man „halt in den jüdischen Sportverein gegangen."

Wie knapp alles zum verhältnismäßig guten Ende in der Katastrophe kommt, erkennt er erst im Rückblick: „Wir kamen gerade noch raus" Im Jahr 1939 verschafft der britische Generalkonsul, der zu dieser Zeit in München Leben rettet, der gesamten Familie Tickets nach Großbritannien. Auch die Großmutter aus Breslau schafft den Weg nach England. Mit Ausbruch des Krieges ist die gesamte Familie bereits in Palästina. Henry Brandt ist jetzt 12 Jahre alt und wächst in Tel Aviv auf. Nach der Schulzeit arbeitet er in einer Bank, holt im Abendstudium das Abitur nach. 1947 dient er in einer Kommando-Einheit – er bringt illegal Flüchtlinge von den Schiffen und wird bis zum Flottenoffizier befördert. Nach seiner Zeit in der Armee geht er nach Belfast in Nordirland, wo er einen Abschluss in Wirtschaft macht. Er arbeitet in London und bekommt durch Bekannte mehr Kontakt „zur Szene", sagt er in seinem ausgezeichneten Deutsch, in dem zuweilen ein ganz sanfter englischer Dialekt mitschwingt. In der Synagoge „findet er zufällig" ein „Fräulein namens Sheila Phillips". Heute hat er mit ihr, der Lehrerin, vier Kinder: Tochter Lynda leitet ein Büro in Israel, Sohn Michael war für den Elektrokonzern ABB bis vor kurzem in Japan und lebt heute in der Schweiz, wo die Familie Brandt ihren Lebensmittelpunkt hat. Tochter Naomi fliegt seit 20 Jahren als Flugbegleiterin für die Swiss, der jüngste Sohn Jonathan arbeitet als Helikopterpilot.

Nachdem Brandt in London Anschluss an die Reformbewegung gefunden hat, studiert er an 1959 am Leo Baeck College und wird Rabbiner. In Leeds baut der junge Rabbi seine erste, eigene Gemeinde auf. Bis 1971 bleibt er in Nordengland, dann geht er „mit Kind und Kegel" zur englisch sprechenden Gemeinde nach Genf, 1976 zieht er weiter nach Zürich, wo er eine liberale Gemeinde gründet. Wenige Jahre später führt ihn sein Weg - ohne Familie -weiter nach Göteborg in Schweden. „Ich wollte immer in eine Gemeinde, wo es nicht diese Kämpfe orthodox-liberal gibt." Die „herrliche Synagoge mit Orgel und Chor" erinnert ihn an München, das Ideal seiner Kindheit. Schließlich holt ihn seine Familie zurück nach Zürich: „In Göteborg ist man weit ab vom Schuss." Bei einem Zugwechsel auf dem Rückweg schaut er sich die Synagoge in Hannover an – und prompt wird er Landesrabbiner in Niedersachsen. Brandt zieht mit seiner Frau nach Hannover, sein privater Schwerpunkt bleibt Zürich.

Heute arbeite er trotz seiner achtzig Jahre in Augsburg weiter. Seine Frau schimpft „wie ein Rohrspatz", weil er immer noch zu viel arbeitet. Noch immer betreut er eine weitere Gemeinde, nämlich Bielefeld. Brandt ist der jüdische Präsident der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, er vertritt den Zentralrat beim runden Tisch der Religionen und ist Vorsitzender der Allgemeinen Rabbiner-Konferenz (ARK) seit der Gründung vor drei Jahren.

Johannes Boie