4. Jahrgang Nr. 9 / 29. September 2004 - 14. Tischri 5765

Jubiläum in der Hauptstadt: 100 Jahre Synagoge Rykestraße

Mit viel Polit-Prominenz feierten Berliner Juden ihr imposantes Gotteshaus im Szene-Viertel Prenzlauer Berg

Von Irina Leytus

100 Jahre Synagoge Rykestraße – was ist das für ein bescheidenes Jubiläum im Vergleich zu der mehr als 2000 Jahre alten jüdischen Tradition, sich zum Gebet in einer Synagoge zu versammeln? Dennoch: Gerade in Deutschland, über 60 Jahre nachdem die Synagogen brannten und ihre Besucher ermordet wurden, sind 100 Jahre eine durchaus bemerkenswerte Zahl. Das ist allemal ein Grund zum Feiern.

Der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin, Albert Meyer, lud am 12. September zum Jubiläum ein und es kamen jede Menge Politiker bis hin zu Bundespräsident Horst Köhler, der israelische Botschaft in der Bundesrepublik, Shimon Stein, Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit, Mitglieder der Gemeinde, nicht- jüdische Nachbarn des Berliner Bezirks Prenzlauer Berg und viele Freunde.

Das von Johann Hoeniger 1904 erbaute neoromanische Gotteshaus mit 2000 Plätzen gilt bis heute als eines der größten in Europa. Versteckt liegt die beeindruckende Synagoge im Hof einer dicht bebauten typischen Berliner Wohnstraße. Und eben jenes „Versteck“ rettete das Gebäude in der Pogromnacht am 9. November 1938: Aus Angst davor, dass die „arischen“ Häuser der Rykestraße beim Brand der Synagoge ebenfalls Feuer fangen könnten, blieb das Gebäude verschont und wurde „lediglich“ geplündert. Im April 1940 fand dort schließlich der letzte Gottesdienst statt.

Bis zum Ende des Krieges diente der prächtige Bau als Lager für Militärbekleidung. 1953 wurde die Synagoge renoviert und wieder geweiht. Nach dem Mauerbau war sie die einzige noch existierende Synagoge im Ostteil der Stadt und damit das Zentrum des jüdischen Lebens in der Hauptstadt der DDR. Maximal 200 Beter fanden sich regelmäßig zum Gottesdienst in einem kleineren Nebenraum ein. Hier finden auch heute noch die Gottesdienste im „konservativen“ Ritus statt. Seit 1999 ist im Vordergebäude der Synagoge das orthodoxe Lehrhaus der Ronald S. Lauder Stiftung untergebracht.

Die große Synagoge Rykestraße soll künftig zum Zentrum der Berliner Einheitsgemeinde werden, so der Gemeindevorsitzende Albert Meyer in der Feierstunde. Zunächst allerdings müssen die Sanierungsarbeiten, die bereits 2,5 Millionen Euro gekostet haben und weitere drei Millionen Euro, die von der Lottostiftung kommen, verschlingen werden, abgeschlossen sein.

Der Festakt zum hundersten Jubiläum des imposanten Bauwerks könnte den Stellenwert der Synagoge Rykestraße auch für die Besucher aus dem Westteil Berlins durchaus erhöhen. Zumal die Feierlichkeiten zu einem grandiosen Erfolg wurden: Nach dem interessanten historischen Festvortrag von Hermann Simon, dem Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin Centrum Judaicum, und einem Gebet vom Rabbiner Ernst Stein riss in dem anschließenden Konzert der US-amerikanische Kantor Joshua Nelson das Publikum aus den Synagogenbänken - der überfüllte Saal sang und klatschte ausgelassen zu den jüdischen Klängen im Gospel-Sound mit.