7. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2007 - 20. Kislew 5768

Synagogen als Synonym für mehr Selbstbewusstsein

Internationaler Kongress in Braunschweig beschäftigte sich mit „jüdischer Architektur"

Von Ulf Meyer

Jüdische Tempel sind eine geschmeidige Bauform: Mal sehen sie aus wie neo-romanische oder gar neo-gotische Kirchen. Andere Beispiel zeugen davon, dass ihr „maurischer" Stil ein Bezug zur Baukunst des Islam hatte. Was bleibt im Kern übrig von der Synagoge als chämeleonhaftem Typus, wenn man alle Einflüsse abzieht? Um diese Frage zu beleuchten hatte die „Bet Tfila", eine Forschungsstelle der Technischen Universität Braunschweig, die sich seit Jahren verdienstvoll um die Aufarbeitung des baulichen Erbes vieler Synagogen kümmert, Anfang Oktober nach Braunschweig zu einem dreitägigen internationalen Symposium In Zusammenarbeit mit der Hebrew University in Jerusalem eingeladen.

Jüdische Architektur ist für die Veranstalter gleichbedeutend mit Synagogen und deren architekturgeschichtliche Entwicklung. Diese These wurde von Fachleuten aus Amerika, Europa und Israel in allen Details beleuchtet. Allein der Vortrag von Rudolf Klein aus Budapest fragte nach tiefergehenden Prinzipien. Klein sucht in Frank O. Gehrys überbordender Formenfreude oder Zvi Heckers zerklüfteter Heinz-Galinski-Schule in Berlin Gemeinsamkeiten, die „typisch jüdisch" sind. Ob sich die „jüdische Identität" tatsächlich „durch innovative Formen" konstituiert, ist bislang nur (s)eine These. Für Samuel Gruber aus Syracuse (Bundesstaat New York, USA), einem Experten für amerikanische Synagogen-Architektur, hingegen ist die Frage, was jüdische Architektur sei, „schlicht irrelevant", weil es „die Juden" angesichts der enormen kulturellen und religiösen Unterschiede ohnehin nicht gebe.

Viele berühmte Synagogen wurden von christlichen Architekten entworfen: Die Cymbalista-Synagoge des Tessiner Architekten Mario Botta in Tel Aviv oder die beiden bekanntesten neuen Synagogen in Deutschland, in Dresden und München. Beide wurden von den Architekten Wandel Hoefer Lorch und Hirsch entworfen und sind in ihrem Ausdruck „jüdischer als jede andere Synagoge in Deutschland je zuvor": Denn nichts erinnert in ihrer Architektur mehr an das Bemühen früherer Generationen, durch das Aufgreifen der jeweiligen Architekturmode im christlichen Sakralbau sich möglichst gut in die Stadt und damit in die Gesellschaft einzufügen. Die Neubauten in Sachsen und Bayern zeugen vom wiedererstarkten jüdischen Selbstbewusstsein in Deutschland und zeigen die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Gemeinden durch die architektonische Umsetzung. Dieser neue „Trend zur Ausdruckskraft" begann mit Daniel Libeskinds Entwurf für das Jüdische Museum in Berlin. Es dauerte zwei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg bis die jüdischen Gemeinden hierzulande nicht länger bauliche Unauffälligkeit suchten. Die jüdischen Bauten in Deutschland heute beziehen ihre Spannung aus dem wiedererwachenden jüdischen Leben und der Erinnerung an den Holocaust.

Weitere Informationen unter: www.bet-tfila.org