7. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2007 - 20. Kislew 5768

Machtwechsel in Berlins jüdischer Gemeinde

Berliner Gemeinde hat gewählt: Bündnis „Atid" schaffte mit 13 Kandidaten Sprung in die neue Repräsentanz

In Berlin sind die Würfel gefallen: Die Mitglieder der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands waren Ende November aufgerufen, ihre Stimmen für eine neue Repräsentantenversammlung abzugeben. Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 35 Prozent, von den 9694 Wahlberechtigten traten 3345 an die Wahlurnen. Am Ende machte – erstmals in der Geschichte der Jüdischen Gemeinden zu Berlin – eine Frau das Rennen: Neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin soll Lala Süsskind werden. Ihr Wahlbündnis Atid (Zukunft) wurde stärkste Fraktion. Die Soziologin, die die Berliner Gemeinde aus den Negativschlagzeilen holen möchte, erhielt 1569 Stimmen. Die designierte Gemeindevorsitzende hofft, dass durch den klaren Wahlsieg ihres Bündnisses die Gefahr einer Spaltung der Gemeinde vorerst gebannt sei.

Atid errang 13 der 21 Sitze und wurde damit stärkste Fraktion. Die frühere Bundesvorsitzende der jüdischen Frauenorganisation WIZO Süsskind soll den bisherigen Gemeindechef Gideon Joffe, für den lediglich 990 Stimmen abgegeben wurden, ablösen. Die Joffe-Liste „Hillel" wird in der neuen Repräsentanz lediglich mit fünf Sitzen vertreten sein. Michael Kantor von der Gruppe „Neue Namen" landete mit 971 Stimmen auf Platz 19, von der Gruppe „Tachles", bestehend aus 18 Kandidaten, darunter die beiden Mitglieder des alten Vorstandes, Arkadi Schneiderman und Alexander Licht, schaffte nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis kein Kandidat den Sprung in die nächste Repräsentanz. Das neue Gemeindeparlament wird im Januar zusammentreten. In der konstituierenden Sitzung soll der fünfköpfige Vorstand gewählt werden, der aus seiner Mitte dann den Vorsitzenden bestimmt. Die Amtszeit beträgt vier Jahre.

Eine Besonderheit dieser mit Spannung erwarteten Wahl war die Vielfalt der Gruppierungen und Programme: Neben vier Gruppierungen kandidierten fünf „unabhängige" Einzel-Kandidaten. Hier verbürgt sich auch die zweite Sensation der Gemeindewahl: Die meisten Wahlstimmen überhaupt fielen auf den unabhängigen Kandidat Dr. Alexander Brenner. Für den ehemaligen Gemeindevorsitzende Brenner (2001 bis 2004) entschieden sich 1628 Wähler. Der in Polen geborener und in Russland und Deutschland ausgebildete Diplomat hat jahrelang an der Deutschen Botschaft in Moskau gearbeitet.

Neben Lala Süsskind werden weitere bekannte Namen in die neue Repräsentanz einziehen: Rechtsanwalt Benno Bleiberg, Mark Jaffé, Michael Joachim und Makkabi-Chef Tuvia Schlessinger. Süsskind, 1946 in Polen geboren, kam mit ihren Eltern schon als kleines Kind nach Berlin. Nach ihrem Abitur ging sie nach Israel, kehrte aber zum Studium zurück nach Deutschland.

„Die Leute habe die Schnauze voll vom Streit", sagte Süsskind nach der Wahl, „Ich möchte, dass sich die Mitglieder unserer Gemeinde nicht abwenden, sondern sich unter dem Dach der Einheitsgemeinde aktiv einbringen." Mehr noch: Ruhe, Respekt und ein vernünftiger Ton sollten wieder in die Gemeinde einkehren. Die Atid-Repräsentanten wollen ein offenes Ohr für die 400 Mitarbeiter der Gemeinde haben und die Organisation, deren 25-Millionen-Euro-Etat zu 85 Prozent das Land Berlin trägt, aus den negativen Schlagzeilen herausholen. Süsskind kündigte einen "Kassensturz" an, nachdem zuletzt keine Bilanz vorgelegt worden sei.

Maria Levi