7. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2007 - 20. Kislew 5768

Lob für eine aufmerksame Zuhörerin und „eine weltweit respektierte Frau"

Aus dem Grußwort von Charlotte Knobloch

[...]Angela Merkel ist eine außergewöhnliche Frau, die sich durch eine unzweideutige und unnachgiebige Haltung denjenigen gegenüber auszeichnet, die ein harmonisches Miteinander von Juden und Nichtjuden unmöglich machen wollen. Die jüdische Gemeinschaft hat in ihr eine verlässliche Partnerin und echte Freundin gefunden.

Angela Merkel interessiert sich aufrichtig für die Situation und Befindlichkeit unserer Gemeinden an der Schwelle zu neuem jüdischem Leben in Deutschland. Wir spüren, dass eine aufmerksame Zuhörerin und Freundin des jüdischen Volkes die Regierungsgeschäfte leitet.

Nach dem infamen Anschlag auf den jüdischen Kindergarten hier in Berlin haben Sie klar Stellung bezogen und unmissverständlich deutlich gemacht, dass die Bundesregierung fest auf unserer Seite steht. Sie haben damit einmal mehr ein Zeichen gegen Hass und Intoleranz gesetzt.

Politiker als Repräsentanten dieser Nation haben dabei eine Vorbildfunktion. Bundeskanzlerin Merkel erfüllt diese Rolle mit herausragender Glaubwürdigkeit, Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit. Verantwortung aus der deutschen Geschichte zu übernehmen, ist für sie nicht Staatsraison, sondern eine persönliche Herzensangelegenheit. Mit bemerkenswerter Sensibilität für jüdische Empfindungen gelingt es ihr, im noch immer belasteten deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungsgeflecht Vertrauen aufzubauen und so die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland sowie zwischen der Bundesrepublik und Israel zu vertiefen.

Für uns, die wir die Schrecken der Vergangenheit nicht vergessen haben und nicht vergessen werden, für uns, die wir in Deutschland geblieben sind in der Hoffnung, hier wieder Heimat zu finden und für uns, die wir an eine gemeinsame Zukunft von Juden und Nichtjuden glauben, ist es von immenser Bedeutung, eine Bundesregierung zu haben, die die Lehren aus der Vergangenheit überzeugend zum Leitmotiv ihres Regierungshandelns macht. Denn nur mit dieser Unterstützung und mit diesem Rückhalt werden wir in der Lage sein, an die verlorene deutsch-jüdische Geistestradition – für die der Name und das Lebenswerk Leo Baecks steht – anzuknüpfen und fortzuschreiben. [...]

Aus der Laudatio von Wolf Biermann

Liebe Angela Merkel, verehrte Bundeskanzlerin und gelernte Physikerin, soll heißen: gestandene Christin, promovierte FDJlerin und gut geratenes Kind der DDR – und unterdes machen Sie auch noch eine Karriere als Kämpferin in dem, was Heinrich Heine in seinem Gedicht „Enfant Perdu" den ewigen Freiheitskrieg der Menschheit nannte – mich freut, dass grade Sie mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet werden. Dieser Preis schmückt Sie, denn er schmückt sich mit dem Namen des vielleicht deutschesten aller Rabbiner und gilt als die höchste Ehrung, die der Zentralrat der Juden in unserem Land zu vergeben hat. [...]

Mir kommt auch Ihre Auszeichnung heute mit dem Leo-Baeck-Preis vor wie eine Bitte um Beistand, ein Appell an Menschen in Deutschland, die Einfluss haben auf die Politik der Bundesrepublik gegenüber den Juden im eigenen Lande und gegenüber dem Staat der Juden im Nahen Osten. Der Leo-Baeck-Preis scheint also eine Auszeichnung zu sein, speziell gedacht für Deutsche, die man bei den Ostjuden „a mensch" nennt, und „a mensch", das heißt, wenn man es aus der jiddischen Sprache ins Deutsche übersetzt, nicht etwa „ein Mensch", sondern bedeutet immer genau dies: „Ein guter Mensch".

Ihr verblüffender Aufstieg vom belächelten Ostmädchen des Kanzlers Kohl zu Schröders Fiasko und nun zu einer weltweit respektierten Frau hat, vermute ich, seinen Grund auch in Ihrer lehrreichen Erfahrung als Untertan in einem totalitären Regime, wie es die DDR war.

Wer von klein auf in einer totalitären Diktatur lebte, der hasst die Freiheit, weil er sie fürchtet, oder er liebt die Freiheit mit um so größerer Inbrunst. Gewiss, Sie sind ein Ostmensch, aber kamen mir nie wie ein Ossi vor. Sie sind längst eine Deutsche geworden, die in keine West- oder Ostschublade reinpasst. [...]

Aus der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel

Die Auszeichnung mit dem Leo-Baeck-Preis erfüllt mich mit großer Freude. Ich empfinde sie zugleich aber auch als eine persönliche Verpflichtung. Ja, es bedeutet Verantwortung, einen Preis entgegenzunehmen, der einem der bedeutendsten jüdischen Gelehrten der Neuzeit gewidmet ist, einem Menschen, der sich während der nationalsozialistischen Diktatur mutig für die jüdische Gemeinschaft und für viele einzelne Schicksale eingesetzt hat, der Deportation und Gefangenschaft im Konzentrationslager erlitten hat, der nach dem Zweiten Weltkrieg alle Kraft darauf gerichtet hat, die geistigen Grundlagen des Judentums zu sichern und für die Zukunft zu erhalten.

Ich weiß um die Verantwortung, die mit einer solchen Auszeichnung einhergeht. Für mich heißt das vor allem dreierlei: Erstens: Dauerhaft dafür einzustehen, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Deutschland und in Europa nie wieder Fuß fassen. Zweitens: Nach Kräften das partnerschaftliche Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft zu fördern. Drittens: Heute und in Zukunft für die Sicherheit des Staates Israel und für unsere gemeinsamen Werte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzutreten.

Null Toleranz für Intoleranz – das muss deshalb unser Leitsatz sein, zum Beispiel im Streit mit islamistischen Fundamentalisten um Karikaturen und Operninszenierungen. Die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Rede – sie sind unveräußerliche Werte unseres Landes. Hier Kompromisse einzugehen, käme einer Kapitulation unserer Werteordnung gleich. Also kann und darf es hier keine Kompromisse geben.

Nur in der Annahme der Vergangenheit Deutschlands liegt das Fundament für eine gute Zukunft. Nur indem wir uns zur immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe der deutschen Geschichte bekennen, können wir unsere Zukunft menschlich gestalten.

[...] nach all diesen Schrecken jener Zeit grenzt es für mich an ein Wunder, dass wir heute in Deutschland wieder eine lebendige jüdische Gemeinschaft haben: Wachsende jüdische Gemeinden, die Ordinierung der ersten Rabbiner seit 1945, die drittgrößte jüdische Gemeinschaft in Europa. Das Miteinander von Juden und Nicht-Juden in unserem Land ist lebendiger und intensiver, als wir es uns vor noch nicht allzu langer Zeit in unseren kühnsten Träumen nicht haben vorstellen können.

[...] Ich bekenne mich ausdrücklich zur besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit und Existenz Israels. Ich bin mir bewusst: Angesichts der Bedrohung Israels durch das Nuklearprogramm des Iran dürfen das keine leeren Worte bleiben. Diesen Worten müssen Taten folgen. [...]