Begrüßung von Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland

Der Historiker Arno Lustiger hat in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die kritische Frage aufgeworfen, ob es stimmt, was oftmals pathetisch proklamiert wird, nämlich dass Leo Baeck niemals in Vergessenheit geraten wird.

Dabei kommt er zu dem skeptischen Ergebnis, dass der Ruhm Leo Baecks in der deutschen Öffentlichkeit verblasst.

Tatsächlich gibt es nur sehr wenige Menschen, die willens und fähig sind, dem Vorbild Leo Baecks nachzueifern und in seine Fußstapfen zu treten.

Diese sind ohne Zweifel groß. Vielleicht für viele von uns zu groß.

Unser Anspruch besteht aber auch gar nicht darin, Leo Baeck zu imitieren.

Er war ein außergewöhnlicher Mensch, der unter außergewöhnlichen Bedingungen Menschlichkeit bewahrt hat. Im Angesicht von Massenmord, Vertreibung und Verfolgung verkörperte er Toleranz, gegenseitigen Respekt und Nächstenliebe.

Arno Lustiger nennt ihn einen „weisen Nathan unserer Zeit".

Das macht ihn einzigartig.

Unser Anspruch besteht schlicht darin, sich zu erinnern, wer Leo Baeck war. Nicht um seine menschliche Größe zu ersetzen, sondern um sie anzustreben – sie zum Leitmotiv unseres Handelns zu machen.

Denn wer sich mit dem Lebenswerk Leo Baecks auseinandersetzt, wird feststellen, dass er nicht nur als Wissenschaftler und Gelehrter Hervorragendes geleistet hat. Vielmehr hat er auch und vor allem als Mensch einen tiefen Eindruck hinterlassen:

Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldgeistlicher an allen Fronten des Krieges. Er hat G'ttesdienste geleitet, Verwundete betreut und mit Hilfe jüdischer Organisationen und der kaiserlichen Armee notleidende Juden in den besetzen Ostgebieten unterstützt.

Auf die antijüdische Schrift des Kirchenhistorikers Adolf Harnack „Das Wesen des Christentums" hat Leo Baeck nicht mit Häme geantwortet, sondern mit scharfem Verstand. Wissenschaftlich brillant widerlegte er Harnacks antisemitische Thesen und zwar ohne jegliche Kritik am Stifter des Christentums. Im Gegenteil, für ihn verkörperte dieser – ich zitiere noch einmal Arno Lustiger – „was im Judentum das Reinste und Wertvollste ist."

Leo Baeck hat die Christen zum Dialog aufgefordert, hat mit Blick auf den Antijudaismus der Kirche nicht die Hand zur Faust geballt, sondern sie zum Diskurs und zur Freundschaft ausgestreckt.

Während der Nazi-Zeit war er die zentrale Figur des spirituellen Widerstandes.

Mehr noch, er hat konkrete Kontakte zum zivilen deutschen Widerstand gepflegt und so Hunderten von Juden zur Emigration verholfen.

Für sich selbst hat er es abgelehnt zu emigrieren, um in Theresienstadt bei den Schwächsten zu bleiben, ihnen Trost und religiösen Rückhalt zu spenden.

Als das Lager im Mai 1945 befreit wurde, ist Leo Baeck geblieben, um den Kranken und Sterbenden beizustehen. Erst einige Monate später ist er zu seiner Familie nach London gereist.

Leo Baeck zeichnete sich durch eine Eigenschaft aus, die einer seiner Weggefährten einst als „Herzenshöflichkeit" bezeichnete.

Noch heute spielt er deshalb eine zentrale Rolle im jüdischen Bewusstsein.

Mit dem nach ihm benannten Preis wollen wir Persönlichkeiten auszeichnen, die uns Anlass zur Hoffnung geben, dass sie ebendiese Begeisterung für Wissenschaft, Humanität und Friedensliebe weiter tragen werden. Persönlichkeiten, die sich genau wie Leo Baeck in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft – ja für die Menschheit – eingesetzt haben.

Dabei ist die diesjährige Verleihung des Leo-Baeck-Preises eine ganz besondere Veranstaltung.

Eine besondere Veranstaltung, weil wir heute das 50. Jubiläum dieser Auszeichnung begehen:

50 Jahre Leo-Baeck-Preis – das sind 50 Jahre lebendiges Andenken an eine prägende Gestalt des deutschen Judentums.

Denn alle bislang geehrten Preisträger haben den humanitären Geist von Leo Baeck nicht nur mit Worten bezeugt, sondern mit Taten gelebt. Sie haben die universale Gültigkeit der ethischen Normen des Judentums erkannt und vor allem verwirklicht.

Ich meine, dieses praktische Handeln im Sinne Baecks ist die würdigste Art, das Andenken an ihn zu bewahren. Schließlich hat er selbst immer die „Weltversessenheit" des Judentums betont. Ich zitiere: „Das Judentum will nicht vom Willen und von der Welt erlösen, sondern Willen und Welt mit Gott versöhnen, das Jenseits zum Diesseits herniederführen. Du sollst leben, ist das Gebot aller Gebote. Die Frömmigkeit, so sehr sie zu G'tt hinführt, zeigt dem Menschen hienieden seine Aufgabe. Das Gebot, wie tief es auch im Geheimnis wurzelt, macht ihn zum Menschen auf dieser Erde."

Genau in diesem Sinne leben und wirken die mit dem Leo-Baeck-Preis geehrten Persönlichkeiten. Sie sind im besten Wortsinne: Menschen auf dieser Erde.

Ich freue mich deshalb sehr, dass wir mit der diesjährigen Verleihung gleichsam das 50. Jubiläum des Leo-Baeck-Preises feiern dürfen.

Meine Damen und Herren,

die heutige Feierstunde ist aber auch aus einem anderen Grund besonders: Eine wunderbare Fügung erlaubt es uns, heuer ein Doppeljubiläum zu feiern. Denn mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zeichnen wir heute die 50te Persönlichkeit aus. Mit Blick auf die Tatsache, dass der Leo-Baeck-Preis nicht jedes Jahr vergeben wurde beziehungsweise in manchen Jahren mehrere Personen mit dieser Ehrung bedacht wurden, ist das Zusammenfallen von 50 Jahren Leo-Baeck-Preis und 50ter Würdigung alles andere als selbstverständlich.

Ob Zufall oder Fügung – Fakt ist, dass diese ganz besondere Feierstunde genau der richtige Rahmen für die diesjährige Preisträgerin ist. Denn Angela Merkel ist eine außergewöhnliche Frau, die sich durch eine unzweideutige und unnachgiebige Haltung denjenigen gegenüber auszeichnet, die ein harmonisches Miteinander von Juden und Nichtjuden unmöglich machen wollen. Die jüdische Gemeinschaft hat in ihr eine verlässliche Partnerin und echte Freundin gefunden. Ich sage das nicht nur als Präsidentin des Zentralrats der Juden, sondern auch ganz persönlich.

Ohne dem Laudator, dem Dichter und Liedermacher Wolf Biermann vorgreifen zu wollen, möchte ich doch deutlich machen, dass die jüdische Gemeinschaft Deutschlands glücklich und dankbar ist, in Frau Dr. Merkel eine Bundeskanzlerin zu haben, die sich der besonderen Verantwortung Deutschlands für uns und für Israel bewusst ist und die diese aus der Vergangenheit resultierende ethische Verpflichtung niemals politischem Opportunismus preisgegeben hat.

Ihre Haltung vor dem Hintergrund der Bedrohung durch den Iran ist reflektiert, besonnen und unmissverständlich. Angela Merkel zeigt, dass wirtschaftliche Interessen nicht gegen Verantwortungsbewusstsein getauscht werden dürfen.

So hat sie auch vor der UN-Generalversammlung die richtigen Worte zur richtigen Zeit gefunden, Geschlossenheit und Entschlossenheit der Staatengemeinschaft gefordert.

Wo andere zaudern, artikuliert sie klar und deutlich, dass die Atombombe in den Händen des iranischen Despoten keine Option ist.

Wo andere zögern, fordert Angela Merkel entschieden schärfere Sanktionen.

Wo andere diskutieren, macht sie deutlich, dass die Sicherheit Israels für sie als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar ist.

Selbst in politisch schwierigen Zeiten kann der jüdische Staat auf Angela Merkel bauen.

So hat sie etwa deutsche Hilfe bei der Aufklärung des Schicksals der im Libanon vermissten israelischen Soldaten bereitgestellt. Und nicht zuletzt auf ihre Initiative hin, konnten die Friedensbemühungen im Rahmen des Nahost-Quartetts nach vierjähriger Unterbrechung endlich wieder aufgenommen werden.

Mit ihrem Verantwortungsbewusstsein gegenüber Israel steht Angela Merkel auch in der Tradition des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl, den der Zentralrat vor genau 10 Jahren mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet hat.

Dafür möchten wir ihr heute danken.

Ebenso wie für ihr kontinuierliches Engagement zur Stärkung der wachsenden jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Die Zuwanderung von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion stellt unsere Gemeinden vor enorme Herausforderungen. Angela Merkel interessiert sich aufrichtig für die Situation und Befindlichkeit unserer Gemeinden an der Schwelle zu neuem jüdischem Leben in Deutschland. Wir spüren, dass eine aufmerksame Zuhörerin und Freundin des jüdischen Volkes die Regierungsgeschäfte leitet.

Ich denke, das geschieht nicht ohne Grund: Als Tochter eines Theologen ist sie sich der gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum sehr bewusst. Ihre Politik orientiert sich an ethischen Maßstäben, die in der Thora gründen und die auch der Stifter des Christentums übernommen hat. Damit steht sie ganz in der Tradition Leo Baecks, der den christlich-jüdischen Dialog begründet und Zeit seines Lebens die universale Geltung der jüdischen Ethik betont hat.

Ohne Zweifel spielt hier auch ihre Jugend- und frühe Erwachsenenzeit im Spannungsfeld zwischen sozialistischem Regime und Kirche eine Rolle. Angela Merkel hat den Wert einer pluralistischen, freiheitlichen und rechtsstaatlichen Gesellschaftsordnung durch das Fehlen derselben persönlich erlebt und ist entsprechend wachsam. Sie weiß, dass sich die Würde des Menschen von seiner Ebenbildlichkeit mit G'tt ableitet und totalitäre Regime beides in Frage stellen. Sie ist im besten Wortsinn eine wehrhafte Demokratin, die den aufgeklärten Geist des streitbaren Bürgers atmet. Und genau das macht sie als Politikerin so glaubwürdig.

Als mein Amtsvorgänger Paul Spiegel sel. A. von uns gegangen ist, haben Sie – werte Frau Bundeskanzlerin – gesagt – ich zitiere: „Wir sind Paul Spiegel in jenen Tagen, in denen es wieder vermehrt Nachrichten über rechtsextremistische Gewalttaten gibt, etwas schuldig." Bis zum heutigen Tag haben Sie das Vertrauen, das die jüdische Gemeinschaft daraufhin in Sie gesetzt hat, niemals enttäuscht.

Nach dem infamen Anschlag auf den jüdischen Kindergarten hier in Berlin haben Sie klar Stellung bezogen und unmissverständlich deutlich gemacht, dass die Bundesregierung fest auf unserer Seite steht. Sie haben damit einmal mehr ein Zeichen gegen Hass und Intoleranz gesetzt.

Gerade heute brauchen wir solche Signale. Gerade heute, wo in Mügeln, Parey und Pretzien rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten verübt werden und in Frankfurt ein Bürger attackiert wird, weil er Jude ist.

Diese Ereignisse erschrecken. Nicht nur aufgrund ihrer Heftigkeit und Schärfe. Sondern auch weil die bundesweite Bestürzung, die sie hervorrufen, schnell – zu schnell – wieder abebbt. Menschenverachtende Straftaten werden heute zur Kenntnis genommen und dann lethargisch abgelegt. Irgendwo in den Ordnern der Gleichgültigkeit, die wir angelegt haben, um den Verlust eines demokratischen Bürgerethos zu dokumentieren.

Meine Damen und Herren,

hier gilt es Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Hier heißt es, jenen die Stirn zu bieten, die gegen fundamentale Prinzipien menschlichen Zusammenlebens verstoßen. Und jenen Paroli zu bieten, die im Stillen applaudieren.

Politiker als Repräsentanten dieser Nation haben dabei eine Vorbildfunktion. Bundeskanzlerin Merkel erfüllt diese Rolle mit herausragender Glaubwürdigkeit, Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit. Verantwortung aus der deutschen Geschichte zu übernehmen, ist für sie nicht Staatsraison, sondern eine persönliche Herzensangelegenheit. Mit bemerkenswerter Sensibilität für jüdische Empfindungen gelingt es ihr, im noch immer belasteten deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungsgeflecht Vertrauen aufzubauen und so die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland sowie zwischen der Bundesrepublik und Israel zu vertiefen.

Für uns, die wir die Schrecken der Vergangenheit nicht vergessen haben und nicht vergessen werden, für uns, die wir in Deutschland geblieben sind in der Hoffnung, hier wieder Heimat zu finden und für uns, die wir an eine gemeinsame Zukunft von Juden und Nichtjuden glauben, ist es von immenser Bedeutung, eine Bundesregierung zu haben, die die Lehren aus der Vergangenheit überzeugend zum Leitmotiv ihres Regierungshandelns macht.

Denn nur mit dieser Unterstützung und mit diesem Rückhalt werden wir in der Lage sein, an die verlorene deutsch-jüdische Geistestradition – für die der Name und das Lebenswerk Leo Baecks steht – anzuknüpfen und fortzuschreiben.

Es ist mir deshalb eine Ehre und persönliche Freude, Ihnen – sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin – zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises von Herzen gratulieren zu dürfen und ich übergebe jetzt das Wort an den Liedermacher und Laudator Wolf Biermann.

Es gilt das gesprochene Wort.